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We boldly go…nowhere!

von Eugen Reichl, 02. Februar 2010, 09:10

Michael Khan hat es gestern schon befürchtet: Das war‘s jetzt, mit der amerikanischen Mond-Initiative. Fast auf den Tag genau sechs Jahre, nachdem George Bush jr. das Programm startete wurde es nun – passend zum Jahrestag der Columbia-Katastrophe - eingestellt. Neun Milliarden Dollar wurden bisher dafür ausgegeben. Eine weitere Milliarde wird es kosten, all die vielen Verträge des Constellation-Programms als „cancellation for convenience“ abzuwickeln. Die bemannte US-Raumfahrt ist nun ohne eine Mission.

Surrender

Dieses Logo schlug ein enttäuschter amerikanischer Blogger als Logo für Obamas NASA-Haushaltsentwurf vor.

Obamas neuer Weg in den Weltraum führt...ja, wo führt er hin? Im Haushaltsentwurf ist keine programmatische Struktur zu erkennen. Alles ist vage und angedeutet. Die Meinungen der Kommentatoren schwanken denn auch zwischen blankem Entsetzen und völliger Orientierungslosigkeit, hin und wieder unterbrochen von der Schadenfreude derer, die schon immer gegen die bemannte Raumfahrt waren. Es scheint, als sei es Obamas Plan, durch ein Maximum an Verwirrung den völligen Zusammenbruch des NASA-Apparates zu bewirken und dann zu hoffen, dass aus der Asche der in sich zusammenfallenden Behörde irgendetwas kreatives Neues entsteht.

Häufig wird auch die Frage gestellt, warum das Weiße Haus und die Administration der NASA derart lange gebraucht haben, um zu diesem vagen und uninspirierten Dokument zu kommen. Die meisten hatten erwartet, dass in dieser langen Zeit der Beratung (in der noch Milliarden für das bisherige Programm ausgegeben wurden) etwas wirklich Gutes und Neues entstehen würde.

Eines ist auf jeden Fall klar: Constellation ist tot. Jetzt wird man kleinere Brötchen backen. Vielleicht backt man auch überhaupt keine Brötchen mehr.

Die vierte und fünfte Woche des Jahres scheinen für die NASA generell eine desaströse Zeit zu sein. Am 27. Januar 1967 ereignete sich das Apollo 1-Feuer, am 28. Januar 1985 die Challenger-Katastrophe. Am 1. Februar 2003 verunglückte die Columbia. Obamas Ankündigung des 1. Februars 2010 dürfte eines Tages in den Annalen einer auf ein technologiestudienschnippselchen verteilenden Weltraum-Amtes namens NASA ein ähnlich schwarzes Datum sein.

Was aber für die US-Raumfahrtpolikit nur als "ganz gewöhnlicher Scherbenhaufen" dastehen könnte, wie er in der Politik nun eben manchmal vorkommt, kann für die Crews der noch ausstehenden fünf Shuttle-Missionen lebensgefährlich werden. Der Obama-Plan wird mit Sicherheit verheerende Auswirkungen auf die Moral der Techniker und Ingenieure am Kennedy Space Center haben. Es gibt genug Beispiele wo es nach Programmeinstellungen und den damit bevorstehenden Massenentlassungen bei den noch ausstehenden Missionen zum Desaster kam, weil ein Tel der Belegschaft sich schon nach anderen Jobs umsah, die Besten bereits gegangen waren,  und der verbliebene Rest ohne Motivation war. Die letzten Missionen des Titan IV-Programms beispielsweise waren mit rauchenden Trümmern im Wert mehrerer Milliarden Dollar gepflastert.

Unternehmen wie Orbital Sciences und Space X, Blue Origin oder die Sierra Nevada Corporation, die möglicherweise einzigen Gewinner dieser rätselhaften Ankündigung, werden zu den wenigen gehören, die einen moderaten Aufbau betreiben können. Doch wie viele der hochqualifizierten NASA-Ingenieure und Techniker können diese Unternehmen, die momentan nur zwischen einem Dutzend bis maximal 650 Menschen beschäftigen überhaupt aufnehmen? Diese kleinen Start-ups dürften jetzt von tausenden von Stellenanfragen überschwemmt werden. Der weitaus überwiegende Rest der erfahrenen Workforce wird sich aber in alle Winde zerstreuen und versuchen irgendwo sonst in der maroden Wirtschaft der USA einen Job zu finden. Für die Raumfahrt sind sie dann verloren. Erfahrung und Know-How sind extrem verderbliche Güter. Sie beginnen vom ersten Tag, an dem sie nicht mehr gepflegt werden, zu faulen.

Was aus Amerikas bemannter Raumfahrt werden soll, ist jetzt noch völlig unklar. Aus dem wolkigen Geschwurbel kann für das erste nur folgendes abgeleitet werden:

  • Die NASA bekommt insgesamt geringfügig mehr Geld als bisher.
  • Ein Teil davon ist für die Entwicklung eines bemannten privaten Raumtransportsystems vorgesehen. Ein Plan dafür liegt derzeit nicht vor.
  • Zusätzliches Geld bekommt auch ein Krabbelsack von Technologievorhaben wie etwa der (tatsächlich vielversprechende, aber noch weit von einer praktischen Anwendungen entfernte) Vasimir-Antrieb, aufblasbare Raumstations-Habitate (die allerdings mangels geeigneter Raumtransportsysteme gar nicht angesteuert werden können) und Grundlagenforschung für zukünftige Schwerlastsysteme, die eine signifikante Kostenreduzierung mit sich bringen sollen (seit Mitte der sechziger Jahre gibt es hier Studie um Studie, die allesamt nie realisiert wurden. Gerade beschäftige ich mich mit dem Konzept "Hyperion" von McDonnell aus dem Jahre 1967) sowie Techniken wie die Einrichtung von Treibstoffdepots im Orbit und dem Transfer von Treibstoff (aber für welchen Zweck?)
  • Der Shuttle wird noch in diesem Jahr seinen Dienst einstellen.
  • Ares 1 und Ares 5 werden eingestellt.
  • Die Entwicklung des Orion-Raumschiffs und des Altair-Mondlanders werden eingestellt.
  • Die internationale Raumstation wird bis mindestens 2020 betrieben. Die Frage ist nur: Wie wollen die amerikanischen Astronauten dorthin kommen? Die Antwort liegt auf der Hand: Heute wird in Russland zunächst so manches Glas Wodka geleer werden. Danach werden bei Energia, Samara und Chrunitschew die gegenwärtigen Ressourcen- und Auslastungsplanungen nach oben angepasst. Innerhalb des letzten  letzten Jahres sind – wenig überraschend - die Preise für die Plätze in den Sojus-Raumkapseln schon mal um 60 % gestiegen.
  • Es werden zusätzliche Mittel – drei Milliarden Dollar - für nicht genannte robotische Missionen, für Erdbeobachtung und „grüne“ Vorhaben bereitgestellt. Klingt viel, aber nur mal zum Vergleich: Drei Milliarden Dollar kostet die bevorstehende Mission des Mars Science Laboratory schon ganz alleine.

Meine persönliche Einschätzung der Lage nach dieser Budgetankündigung: Die NASA bricht auf dem Weg nach vorne alle Brücken hinter sich ab. Das vollständige Desaster ist damit vorprogrammiert. Die geplante amorphe Förderung von hier ein bisschen und dort ein wenig ohne den straffen Rahmen einer "Mission" wird direkt ins Nirgendwo führen. Beispiele dafür gab es in der Vergangenheit viele.

Zunächst einmal, davon kann man mit Sicherheit ausgehen, erfolgen jetzt bis in den Herbst hinein endlose Debatten über den weiteren Weg der NASA ohne dass etwas in Richtung einer klaren Programmstruktur bewegen wird. Der Kongress wird dieses Programm, das keines ist, so nicht hinnehmen und den Budgetentwurf des Weißen Hauses anfechten. Positiv kann dieses Desaster jetzt nur dann noch ausgehen, wenn Unternehmer wie Robert Bigelow oder Elon Musk Mut haben und viel Geld einsetzen. Und sie brauchen Fortune. Ansonsten war es das, mit Amerikas bemannter Raumfahrt.

NASA-Administrator Boldens Rede zum Neuen Budget: http://www.nasa.gov/pdf/420994main_2011_Budget_Administrator_Remarks.pdf



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Kommentare

  1. Michael Khan @Manfred Holl
    08.02.2010 | 13:56

    Solange, bis das private Unternehmen Space X seine Falcon 9 und sein Raumschiff Dragon noch nicht zur Einsatzreife gebracht haben, werden nur Russland und China am Ende dieses Jahres, wenn die Shuttles nicht mehr fliegen, bemannte Raumfahrt betreiben.

    Wenn der Dragon fliegt, haben die USA wieder eigenen bemannten Zugang zum niedrigen Erdorbit, aber auch nicht mehr als das.

    Die Europäer sollten endlich mal was machen, sonst ist Europa nicht einmal die vierte, sondern vielleicht nach Indern und vielleicht auch noch nach den Japanern erst die fünfte oder sechste Nation, die ihre eigenen Astronauten selbst ins Weltall befoerdern kann.

    Eine wirkliche Ausrede, nicht aktiv zu werden, haben die Europäer nicht. Eigentlich haben sie schon fast alles, dessen es bedarf.

    http://www.kosmologs.de/...09-05-31/esa_raumschiff

    Außer dem politischen Willen.

    Bevor also wir Europäer allzu vollmundig an den USA herumkritisieren - und DAS (Herumkritisieren) ist nun wirklich so ziemlich eine der wenigen Sachen, in denen wir absolute Weltklasse sind! - sollten wir Schnarchsäcke uns mal an die eigene Nase fassen.

    Wenn wir unsern Laden hier in Ordnung haben, ist zum Kritisieren immer noch Zeit.

    Für die Bibelfesten unter uns bietet sich an: Matthäus 7, 3.

  2. Stefan Taube @Michael Khan: Europa ist keine Nation
    08.02.2010 | 14:22

    ... und vielleicht ist das ja das Problem, wenn ich das mal so ketzerisch fragen darf? Wäre ein nationales Raumfahrtprogramm mit ausgesuchten internationalen Partnern schon längst weiter?

    Ich bin ja kein ESA-Insider, aber die Frage drängt sich schon auf: Wer beschleunigt und wer bremst eigentlich in diesem Vielstaatenverein. Herr Wörner vom DLR macht auf mich jedenfalls den Eindruck, als wollte er am liebsten persönlich auf den Mond ;-)

  3. Michael Khan @Astra
    08.02.2010 | 14:47

    Zu Ihrem Punkt 2:

    Der "Antreiber" fehlt in der Tat. Das ist ein Novum in der Geschichte der NASA. Bis jetzt war immer ein großes Leuchtturmprojekt da, übar das sich die NASA, das Raumfahrtprogramm der USA und nicht zuletzt auch die USA selbst definierten: Apollo, das Shuttle, dann die Raumstation.

    Was die Ausrede für die Europäer angeht, teile ich Ihre Ansicht nicht .... in Europa sind wir mittlerweile so weit, dass es keiner Ausrede für das Nichtstun, für das Vergeben von Chancen und fuer das Nicht-Ergreifen der Initiative bedarf, denn solche Erwartungen hegt schon niemand mehr.

    Eine Ausrede braucht man hoechstens, wenn man mal die Initiative ergreift und feststellt, dass man damit einen ganzen Haufen Bedenkenträger aus dem Tiefschlaf geweckt hat.

    Zu Punkt 5.:

    Vielleicht wird die Sojus ohne die ISS wirklich überflüssig, vielleicht aber auch nicht. Zuallererst wird natürlich die Progress überflüssig. Solange, wie aber die Dragon noch nicht fliegt und auch noch nicht bewiesen hat, dass sie überhaupt so sicher und zuverlässig ist wie die Sojus, haben die Russen nach meinem Dafürhalten gar nicht so schlechte Chancen, im Geschäft zu bleiben. Nur koennte ihr Kunde dann Bigelow heißen.

  4. Michael Khan @Stefan Taube
    08.02.2010 | 14:56

    > Ich bin ja kein ESA-Insider, aber die
    > Frage drängt sich schon auf: Wer
    > beschleunigt und wer bremst eigentlich
    > in diesem Vielstaatenverein.

    Das predige ich immer wieder. Was hier bremst, ist Kleinstaaterei. Keine europäische Nation ist allein groß genug, um gegen die großen anzustinken. Das gilt in der Wirtschaft ebenso wie in der Raumfahrt. Deswegen gibt es ja auch die EU.

    Wenn man nun aber eine ESA hat, dann sollten die großen Mitgliedsnationen sich nicht nebenbei noch eigene Raumfahrtagenturen leisten, die mal mit den Amerikanern, mal mit der ESA, mal allein, mal gegen die ESA agieren.

    Allein ist jeder deutlich unter der kritischen Masse, die man braucht, um große Projekte durchzuziehen. Mit großen projekten meine ich nicht nur bemannte, die wir technologisch sehr wohl heben koennten, sondern auch große unbemannte Projekte. Das Trauerspiel um die Finanzierung des ESA-Mars-Rovers ExoMars spricht da eine deutliche Sprache.

    Die kleinen Projekte, die man schafft, interessieren aber nicht wirklich, deswegen wird man nicht wahrgenommen und bleibt klein.

    Aber natürlich will kein Politiker eines Nationalstaats die nationale Raumfahrtagentur aufgegeben sehen. Deswegen bleibt alles beim Alten.

  5. Manfred Holl @ Astra
    08.02.2010 | 15:14

    Die Methode, Projekte und Vorhaben durch finanzielle Austrocknung peu a peu zu beerdigen, wenn man es anders nicht schafft, ist nicht aktiziert. Meist gibt es dann andere politische Vorgaben und wenn erst ein Teil weg ist, kommt meist der Rest hinterher.

    Zwar kriegt die NASA mehr und wird bei der unbemannten Raumfahrt noch einige Zeit die Nase vorn haben. Aber wenn da was passiert, ein Instrumententräger verloren geht, wird es garantiert Politiker geben, die das als Geldverschwendung sehen und kürzen wollen. Ein Teufelskreis, in den sich Obama ganz alleine hineinmanövriert.

  6. Daniel Fischer Wohin die Reise gehen wird ...
    10.02.2010 | 16:33

    ... werden wir am 24./25. Februar auf Anhörungen des US-Kongresses von der NASA erfahren - und der NASA-Chef hat's gerade schon mal verraten: Fernziel bleibt (wie übrigens auch im Augustine-Report konstatiert) eine bemannte Marslandung. Und die hält Bolden bereits für 2030 oder kurz danach für möglich, wenn es besonders günstige Startfenster gibt: Auch bei der ESA und selbst in Indien, wie ich gerade höre, schielt man darauf.

    Bei den Hearings sollen auch die ganzen Detailzahlen zum FY2011-Haushalt vorgelegt werden, die am 1.2. fehlten - der Grund war offenbar, dass der neue Kurs der NASA erst wenige Tage vorher festgelegt worden war. Also *ich* finde das alles wesentlich spannender als noch eine Fortschreibung der angestaubten Constellation. Und sehe auch dem ersten Falcon-9-Start (mutmaßlich im März) mit leicht erhöhtem Blutdruck entgegen ...

  7. Michael Khan Angestaubt?
    10.02.2010 | 21:22

    Also, egal wohin man will, sofern man bemannt dorthin will: Man braucht zuerst einmal zweierlei: Ein Raumschiff, das für mehr geeignet ist als für Flüge ins LEO und zurück und eine große Rakete, mit der man ordentliche Nutzlasten starten kann: als Anhaltspunkt kann man da die Nutzmassen nehmen, die man für eine bemannte Mission zum Mond braucht, mindestens 50, eher 70 Tonnen in den Mondtransfer, woraus sich dann so 150-200 Tonnen im LEO ergeben.

    Mit so einer Rakete und so einem Raumschiff und noch weiterer Hardware - beispielsweise einer Mondlandemodul für Missionen zum Mond oder einem Habitat von etwa der Größe des Columbus-Moduls an der ISS mit eventuell noch einer weiteren Antriebsstufe lassen sich schon eine ganze Menge Missionen machen, solche zum Mond und solche zu einem ganzen Haufen Asteroiden, d.h., durchaus schon interplanetar.

    Wennman zum Mars will und wieder zurück, reicht das natürlich nicht, aber mit der Startkapazität könnte man mit einer überschaubaren Anzahl Starts ein komplettes Marsschiff im LEO zusammenbauen.

    Die obige Beschreibung der Großrakete passt schon ganz gut zur Ares V. Das bemannte Raumschiff beschreibt ganz gut die Orion.

    Also, was soll's? Warum nicht ganz einfach diese Sachen (weiter-)bauen und loslegen? Weil jemand das angestaubt finden könnte? Na wenn schon, ich habe nie gehört, dass in der Raumfahrt irgendwelche Schönheitspreise zu vergeben sind.

    Entweder man hat die nötige Hardware, mag sie den Ästheten gefallen oder nicht: Dann kann's losgehen.

    Oder man hat sie nicht, dann bleibt man halt unten.

    Den Kommentar zu den Startfenstern verstehe ich nicht. Die unterscheidlichen Fenster unterscheiden sich, wenn man alles zusammennimmt (Hin- und Rückflug), gar nicht so wesentlich.

    Wenn das alles so auf Kante genäht ist, dass man wirklich nur in dem etwas besseren Startfenster hinkommt, dann sollte man es entweder gleich lassen - oder vielleicht noch einen Start mehr spendieren und damit ein Antriebsmodul mehr ans Raumschiff hängen.

    Also, wenn's schon daran scheitert, dann ist eine Ankündigung von einer bemannten Marslandung in 20 Jahren so Ernst zu nehmen wie die vielen gleichlautenden aus den vergangenen 50 Jahren oder so, nämlich gar nicht.

  8. Astra Wohin geht die Reise?
    10.02.2010 | 22:31

    Klar ist, dass die ganze Sache geradezu schrecklich dilettantisch verkauft worden ist. Und so was passiert den Amerikanern, den Schöpfern der modernen Public Relations. Charlie Bolden, verschreckt von den öffentlichen Reaktionen, ist schon kräftig am "zurückrudern". Aber wenn er sagt, eine Landung auf dem Mars ist unter den Bedingungen wie sie jetzt mit dem neuen „Programm“ geschaffen werden sollen schon kurz nach 2030 möglich, dann glaubt er das selbst wahrscheinlich am allerwenigsten.

    Werfen wir einfach mal einen kurzen Blick auf einige der Haushaltszahlen für 2011 und die Planung der NASA bis 2015. Und sehen wir uns nur die größeren Sachen an.

    1. Einstellung des Constellation-Programms. Im Jahre 2011: 1.9 Milliarden $, 2012: 0,6 Milliarden $. Das kann man nun nicht gerade als Wertschöpfung bezeichnen und liegt noch um einiges über meinen ersten Schätzungen. Zweieinhalb Milliarden Dollar. Eine solche Menge Geld, nur um Leute zu entlassen, Verträge abzuwickeln und Anlagen stillzulegen. Da blutet einem das Herz.

    2. Deutlich mehr Geld als bisher bekommt Luftfahrtforschung und ein neues Ding, das den zeitgemäßen Titel "Green Aviation" trägt. In den kommenden fünf Jahren jeweils um die 600 Millionen Dollar. Das ist eine kräftige Erhöhung der bisherigen Budgets (gut 20 %) und dagegen kann man nicht anmeckern, dieser Bereich ist in den letzten Jahren wirklich schlimm kannibalisiert worden.

    3. Sonnenphysik erhält zwischen 2011 und 2015 im Schnitt 700 Millionen $ jährlich. Das ist in etwa der inflationsbereinigte Betrag der letzten Jahre. Nun gut, auch ein Freund der bemannten Raumfahrt wie ich muss zugeben: Das Geld ist gut angelegt. Unter anderem muss das Projekt der "Solar Probe" jetzt endlich mal losgetreten werden und so ein wichtiges Raumfahrzeug wie das Solar Dynamics Observatory, das morgen hoffentlich sicher in den Orbit kommt, kostet auch nicht grade einen Pappenstiel.

    4. Astrophysik wird auf schwächerem Level finanziert als bislang. Das ist ein wenig erstaunlich, denn momentan müssen da 15 laufende Missionen finanziert werden, NuSTAR steht an und Astro-H und vor allem das James Webb Telescope. Für all das gibt es im Schnitt der nächsten Jahre jeweils 1,1 Milliarden Dollar. Preisbereinigt sind das 20 Prozent weniger als 2009.

    5. Planetenwissenschaften legen zu, wenn auch nicht sensationell. Die Produktion von Plutonium 238 wird wieder aufgenommen (ich frage mich allerdings immer, warum es der NASA nicht möglich ist, hier die sicher immensen militärischen US-Bestände anzuzapfen). Derzeit müssen 11 laufende interplanetare Missionen finanziert werden und einiges kommt neu dazu. Außerdem erhält die Entwicklung des Stirling Radioisotopen-Generators endlich eine Finanzierung. Alles in allem gibt es jedes Jahr für all diese Dinge im Schnitt 1,6 Milliarden Dollar.

    6. Einen leichten Zuwachs gibt es für die Erd- und Klimaforschung. Derzeit gibt es 15 Raumfahrzeuge, die schon im Weltraum sind und betrieben werden müssen. Einiges soll neu dazu kommen. Für einen Absturz im letzten Jahr (OCO) gibt es Ersatz. Alles in allem im Schnitt 2 Milliarden Dollar jährlich mit nach oben steigender Kurve (2011: 1,8 Milliarden, 2015: 2,3 Milliarden).

    7. Komplett neu ist ein Titel namens "Space Technology". Die Beschreibung der NASA für diesen Budgetitel ist so wischiwaschi, dass man mit Fug und Recht davon ausgehen kann, dass das einfach ein Platzhalter ist und man noch keine Ahnung hat, was man damit eigentlich machen will (Beispiel: enable far-term technologies, spawn game-changing innovations, include Small Business Innovative Research usw.). Geld gibt es aber dafür jede Menge: 2011: 572 Millionen Dollar, 2015 1,218 Milliarden.

    8. Sehr interessant ist der der "21st Century Launch Complex". Hier erhalten die Kennedy Space Center Facilities im Schnitt 300 Millionen Dollar jährlich für…ja für was? Keine Ahnung. Auch hier sind die Beschreibungen ziemlicher Bullshit. Oder was soll man mit Bezeichnungen wie: Improvements to the effectiveness of the complex's range, changes to the KSC perimeter, enhanced environmental cleanup und Ähnlichem anfangen? Und dafür 300 Millionen im Jahr. Jedes Jahr. Will die NASA einen Erholungspark draus machen oder doch eher ein Industriegelände?

    9. Auch der Space Shuttle bekommt 2011, das Jahr in dem er gar nicht mehr fliegt, noch eine ganze Milliarde Dollar. Und 2012 auch noch mal fast 100 Millonen. Das läuft unter "transition efforts". Ich nehme mal an, der Sozialplan für die Workforce, die nun entlassen wird.

    10. Commercial crew und cargo. Erhält eigentlich viel zu wenig für das was man davon erwartet. Zwischen 812 Millionen (2011) und 1,400 Milliarden (2013). Im Jahr 2015 übrigens schon wieder weniger (1,2 Milliarden). Das Geld, mit dem die Industrie mindestens ein bemanntes Raumtransportsystem entwickeln soll, besser aber noch zwei. Viel ist das nicht.

    11. Nutzung der ISS. Zwischen 2,8 Milliarden im Jahre 2011 und 3,2 Milliarden im Jahre 2015. Was man mit diesem immensen Geld machen will, wenn man in diesem Zeitraum praktisch nichts an Material und Ausrüstung hinbringen kann, ist mir ein Rätsel. Allerdings muss die NASA den Russen einiges zahlen, dass ihre Astronauten jetzt mit der Sojus zur ISS transportiert werden. Und was der US-Steuerzahler wahrscheinlich nicht weiß: Die NASA muss den Russen auch dafür zahlen, damit sie die Europäer und Japaner zur ISS mitnehmen. Ein Resultat der Barter-Agreements. Aber auch dann bleibt noch jede Menge Geld übrig, das in wattigen Begriffen wie "increase Station capabilities through upgrades to both ground support and onboard systems", "Support extension of lifetime of the ISS in concert with our international partners“ usw.) eingepackt ist.

    12. Robotic precursor Missions. Die werden jetzt als die Vorläufer des "Flexible Path" bezeichnet, sind aber mager finanziert. 2011 gibt es dafür ganze 125 Millionen Dollar. 2015 sollen es immerhin schon 923 sein. Wer aber weiß, wie viel eine wirklich anspruchsvolle unbemannte Mission kostet (denken wir hier in Europa nur mal an Herschel & Planck) der weiß, dass man sich damit keine Flotten neuer unbemannter Sonden leisten kann.

    13. Ein eigenartiger Titel ist "Heavy Lift and Propulsion R&D". Hier soll zwischen 560 Millionen (2011) und 750 Millionen (2015) ausgegeben werden. Doch wofür? Die NASA fängt ja jetzt wieder mit Phase A-Studien an, und wo um alles in der Welt will man da nur für Antriebstechnik über eine halbe Milliarde ausgeben? Will sie 1000 Studien beauftragen? Nur für Antriebe von Schwerlasttransportern? Die Beschreibung dieses Budgettitels deutet aber darauf hin, dass sie auch nur ein Platzhalter ist. Alles ist sehr fluffig, da gibt es "new approaches to first-stage propulsion", "Foundational propulsion research", intra-governmental partnerships“ und ähnliches Geschwurbel.

    14. Für „Technology Demonstrations“ werden zwischen 652 Millionen (2011) und 2,1 Milliarden (2015) ausgegeben. Hier wird zwischen zwei Programmlinien unterschieden, den Flagship Demonstration Programs wie Orbit-Treibstofftransfer und Treibstofflagerung, aufblasbaren Raumstationsmodule, geschlossene Lebenserhaltungssysteme und ähnliches und den Enabling-Technologies, wie dem Vasimir-Antrieb und In-Situ-Ressourcennutzung auf Planeten und Monden. Nachdem zumindest ein Teil dieser Technologien für bemannte Systeme bestimmt sind, wäre es natürlich auch gut, die auch tatsächlich bemannt zu testen, was aber mangels bemannter Raumtransportsysteme bedauerlicherweise nicht möglich ist.

    Alles in allem macht dieses Budget den Eindruck eines hastig zusammengeschusterten Konstruktes, das zum großen Teil aus Platzhaltern besteht, die man vielleicht in absehbarer Zukunft mit Fleisch füllen will. Dabei hätte die NASA in dem halben Jahr, das seit der Bekanntgabe des Augustine-Reports vergangen ist, ohne weiteres einen sinnvollen und öffentlichkeitswirksamen Plan ausarbeiten können. Damit fängt sie aber offensichtlich erst jetzt an und will sich in den nächsten Monaten damit in der Öffentlichkeit melden.

    Alles in allem muss man sich wirklich fragen: Was zum Teufel ist eigentlich los mit diesem Laden?

  9. Astra Spott
    11.02.2010 | 22:40

    Die NASA muss sich momentan einiges an Spott gefallen lassen. Manches ist aber wirklich lustig: http://www.theonion.com/...ntists_plan_to_approach

  10. Daniel Weber gemischte Gefühle
    12.02.2010 | 12:01

    Puuh, erstmal ordnen, war eine ganze Menge zu lesen.

    Ich träume schon immer davon, mal eine Mondlandung live zu sehen - und hoffe daß das geschehen wird, vielleicht sogar eine Marslandung. Die Voraussetzungen dafür sind momentan denkbar schlecht. Aber das will nichts heißen. Wir steuern auf dunkle Zeiten zu. Nicht nur, daß unser Wirtschaftssystem völlig aus dem Ruder gelaufen ist, nein, das größte Problem des 21. Jahrhunderts wartet in naher Zukunft auf uns. Die Nahrungsmittelkanppheit wird viele Pläne erstmal zunichte machen. Zwei der größten Getreideanbaugebiete der Welt werden in den nächsten 10 bis 20 Jahren (wieder) trocken fallen. Sowohl der Ogallala-Aquifer und der unter Nordchina sind bald leer. Als fossile Grundwasseraquifere haben sie die Eigenschaft, nicht aufgefüllt zu werden. Traditionell sind solche Trockengebiete durch ihre Schwarzerde besonders gut für Ackerbau geeignet. Wenn aber nicht schnell Technologien für Wassertransfer gefunden und errichtet werden, gibt es Hungersnöte, deren sich wohl kaum vergleichbare finden lassen.

    Egal, es wird einen Weg geben. Was ich mich in punkto Raumfahrt schon immer gefragt hab. Warum will man mit Retros zum Mars? Lange Flugzeit... Mit moderneren Triebwerken wäre das erheblich schneller möglich und würde auch die Kosten extrem senken.

    Was meiner Meinung nach auch fehlt, ist ein echter "Anreiz". Vielen Menschen kann man den Reiz der Raumfahrt nicht vermitteln und ich denke besonders in unserem Land wird das immer schlimmer. Mit sinkendem Bildungsgrad wird es auch schwerer, Wissenschaft zu vermitteln.

    "Und: natürlich muss man sich über die deutsche Technologiefeindlichkeit (oder besser "Indifferenz", denn wir meinen anscheinend wirklich, unser Wohlstand bleibe erhalten, selbst wenn wir uns nicht dafür interessieren und auch nicht genug in Bildung und Forschung investieren) Sorgen machen."

    Das wird bei uns ein großes Problem. Dank unseren "Freunden" bei der FDP will man in Deutschland high-tech zu "low-loans" machen. Das wird nicht funktionieren. Der Bildungsstandart sinkt immer mehr - und da hat man das here Ziel, besonders in F&E Weltspitze zu bleiben. Wir Leben, was das angeht, schon sehr lange über unsere Verhältnisse und der Lebensstandard wird hierzulande mit Sicherheit steil nach unten gehen, wenn das so weitergeht. Da frag ich mich: Ist da überhaupt noch was da für echte Wissenschaft? Wenn die Welt nur noch von der Hand in den Mund lebt, ist da noch Platz für die Verwirklichung von Träumen? (Beispiel Indien: Da werden in den nächsten Jahren aufgrund sinkender Grundwasserspiegel an die 180 Millionen Menschen vom Hunger bedroht sein - das wird Gelder u.a. auch von Weltraumprojekten abziehen. Oder man riskiert einen Bürgerkrieg, wenn großflächig Menschen verhungern.)

    Auf der einen Seite machen wir große Fortschritte und Träume rücken in greifbare Nähe. Auch wenn die Parabelflüge von Virgin Galactic keine "echten" Raumflüge seien werden (so sie denn stattfinden, was ich inständig hoffe), so kann man sich für vergleichbare geringe Preise einen Hauch von Weltraum holen. Damit kann man Gelder akquirieren, um buchstäblich "höhere Ziele" zu erreichen. Andererseits stehen so viele, das Leben direkt betreffende Probleme im Raum, daß ich manchmal die Befürchtung habe, daß die Träume im Ringen um Macht und zum Teil auch Überleben zerschlagen werden.

    Was ist übrigens mit Alternativen zum Transport von Gütern in den Orbit? Da war mal was mit einem lasergestützen Startsystem oder die Variante, ein Raumschiff erst auf einer Magnetschwebebahn auf hohe Geschwindigkeiten zu beschleunigen. Ich nehme an, die sind auch dem Rotstift zum Opfer gefallen.

    Ein "Anreiz" wäre zum Beispiel der Nachweis außerirdischen Lebens. Den kann man auf verschiedenerlei Weise erbringen, oder zumindest es versuchen. Ich war begeistert, als eine unbemannte Mission zu Europa im Gespräch war oder von der Entdeckung von möglichem flüssigen Wasser auf Enceladus. Desweiteren kann man mit fernerkundlichen Methoden, also Spektralanalysen, Exoplaneten genauer Abbilden. Wenn es gelänge, ein Hochleistungsteleskop in den Orbit zu bringen (der Stichpunkt wurde bereits angesprochen), dann könnte man z.B. Planeten direkt abbilden. Mit entsprechender Auflösung wäre man in der Lage, die Oberfläche zu deuten. Abhängig von den Eigenschaften des Muttergestirns kann man abschätzen, was eine photosynthebetreibende Lebewelt für spektrale Eigenschaften besitzt. Vorausgesetzt man hat genug "Land" auf dem Bild, wäre das ein direkter Nachweis von Leben. Solch ein Ereignis, da bin ich mir sicher, wäre ein Anlaß, die Raumfahrt neu anzuheizen und auch Mittel dafür zu mobilisieren.

    Ich bitte um Verzeihung für den chaotischen Schreibstil - es ist etwas ungeordnet...

    dja mata - Daniel...

  11. Daniel Weber Nachtrag
    12.02.2010 | 12:29

    Ich setze darauf, daß die Neugier des Menschen doch irgendwann siegen wird. Niemand ist zufrieden damit, etwas von fern zu sehen, das man selbst "anfassen" kann. Das spricht auch gegen die endgültige Festlegung auf Automaten zur Erforschung des Alls. Der Mensch geht selbst - schon immer.

  12. Astra Gemischte Gefühle
    13.02.2010 | 13:40

    Das mit den „Träumen“ bringt es schon ziemlich auf den Punkt. Jede große wissenschaftliche Unternehmung, nicht nur das US-Raumfahrtprogramm braucht ein Ziel, auf das hin es sich ausrichten kann. Dieses Ziel muss Anreiz und Inspiration sein. In den USA, und sogar ein wenig hier in Europa, ist die Enttäuschung groß, dass Obama den Menschen dieses Ziel genommen hat. Aber abgesehen davon scheint es dem gesunden Menschenverstand einfach haarsträubend unvernünftig, alles was bisher geschaffen wurde wegzuwerfen und darauf zu hoffen, dass sich etwas Besseres dann schon irgendwie von selbst ergeben wird.

    Im übrigen beginnt jetzt der Kampf auf dem Capitol Hill. 29 Abgeordnete des Repräsentantenhauses haben einen Brief an NASA-Administrator Charlie Bolden geschrieben. Die Aussage: Der Budgetentwurf Obamas ist genau das. Ein Entwurf, ein Vorschlag, und mehr nicht. Die Abgeordneten warnen Bolden, jetzt schon irgendwelche irreversiblen Maßnahmen zu treffen, denn nicht Obama habe über den Haushalt zu entscheiden, sondern der Kongress. Und solange der Kongress nicht darüber abgestimmt hat, erwarten diese Abgeordneten, dass die Budgetmittel des Jahres 2010 so ausgegeben werden, als wäre das Constellation-Programm weiterhin in Kraft.

    Der Brief kann hier eingesehen werden: http://www.spaceref.com/news/viewsr.html?pid=33477

    Die Phase der Agonie, in der es weder vor noch zurück geht, ist damit wohl eingeläutet.

  13. Michael Khan Unterzeichner des Briefs an Bolden
    13.02.2010 | 18:01

    Die Liste der Unterzeichner des Briefs an NASA-Administrator C. Bolden ist interessant.

    http://www.spaceref.com/news/viewsr.html?pid=33477

    Unter den 27 Unterzeichnern sind 20 Republikaner und 7 Demokraten.

    Interessant ist die Aufteilung nach Staaten:

    12 aus Texas (Da ist das Johnson Space Center, das vorwiegend mit bemannter Raumfahrt befasst ist)

    7 aus Alabama (das ist das Marshall Space Center)

    2 aus Florida (Kennedy Space Center)

    2 aus Utah (Die Firma Thiokol, die die Booster herstellt)

    4 aus Ohio (Glenn), Louisiana (Michoud), Kalifornien und New Jersey

    Ist es zynisch, davon auszugehen, dass es eher die Sorge um die wirtschaftlichen Auswirkung auf den Heimatstaat als das gemeinsame Interesse an der führenden Rolle der USA in der Weltraumforschung ist, die Unterzeichner motivierte?

  14. Astra Wer unterzeichnet?
    13.02.2010 | 22:57

    Einen ähnlichen Grundsatz hatte schon Walter von der Vogelweide vor 800 Jahren, als er meinte "Wes Brot ich ess, des Lied ich sing". Seine Lieder sind noch heute bekannt, die Tatsäche, dass er ideell eher ein Weichei war, tut dagegen nach all der Zeit nichts mehr zur Sache.

  15. Astra Abstimmen?
    22.02.2010 | 10:39

    Zu guter letzt: Der bekannte US-Raumfahrtjournalist Miles O'Brian veranstaltet eine Abstimmung. Soll die NASA das Constellation-Programm aufgeben oder nicht. Wer will, kann mitmachen, und zwar hier: http://surveys.polldaddy.com/s/1516015F6CFAAB41/

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