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Per Anhalter durch die Galaxis

von Lars-C. Depka, 20. Mai 2009, 11:51

Glückwunsch, ein Kontinent sucht in Gestalt seiner Raumfahrtagentur Europas next Raumfahrer und gut 8500 Castingwillige melden sich.  Übrig geblieben sind nun deren vier, die mit allerlei Pomp und Getöse in Paris, dem nach eigener Weltanschauung unbestrittenen Nabel der europäischen Raumfahrtversuche, der Öffentlichkeit vorgestellt werden.

Um die Namen der Glücklichen ist (offiziell zumindest) ganz nach dem Vorbild der jährlichen Preisverleihung  der Academy of Motion Picture Arts and Sciences das Mäntelchen der Verschwiegenheit gehüllt worden. Vermutlich, um die Spannung zu steigern und uns alle vor den Bildschirm zu ziehen, schließlich wird die Präsentation live im Internet übertragen. (Bleibt zu hoffen, dass der Server Bilder liefert)

Dabei gebe es trefflich einen weiteren Grund, das gesamte Thema bemannte Raumfahrt (sofern es die europäische Vielvölkergemeinschaft betrifft) mit einem nicht zu klein geratenen Mantel des Schweigens zu verhängen. Denn eines ist leider auch zu Zeiten der anstehenden Party an der Seine so klar, wie unklar: Europa fehlt es an Zielen im Weltraum, niemand weiß genau, wohin die zukünftigen Weltraumhelden denn nun genau (oder wenigstens so in etwa) hinfliegen sollen!

Ehrgeizige Ziele wie bemannte europäische Mond- oder Marsmissionen , bzw. deren Umsetzung, werden nach derzeitigem Stand der Dinge wohl nur zukünftige Generationen in Ansätzen widerfahren. Dafür sorgen allein schon Veranstaltungen wie das letzte große Strategietreffen der verschiedenen  europäischen „Raumfahrtminister“ 2008, bei dem eher die Pflege persönlicher Eitelkeiten, als die ambitionierte Fortschreibung der Raumfahrtkompetenzen im Vordergrund gestanden haben muß, wie anders lassen sich die einmal mehr müden Ergebnisse interpretieren, die geboren wurden, nachdem der Berg lange kreiste....

Bleibt als - 2.1mag hell strahlender Stern in dieser trüben Finsternis die ISS, mit einer vertraglich gesicherten Laufzeit bis immerhin 2015. Verlängerung freilich nicht ausgeschlossen, aber in den Sternen stehend. Immerhin gibt es gut gemeinte Bekundungen und warme Worte, den menschlichen Außenposten bis ca. 2020 zu betreiben, was wohl durchaus nicht von vorneherein  ganz außerhalb des Bereichs des Möglichen angesiedelt werden darf. Und das aus zweierlei Gründen:

Zum einen haben bei der ISS neben dem (manche sagen unfähigen) europäischen Vielvölkergebilde auch noch die USA, Kanada, Rußland und Japan ein Wörtchen mitzureden, was nicht heißt, dass diese qua definitione fähiger wären, allerdings haben diese Länder (mit Abstrichen bei Russland) bei einer Vielzahl ihrer Vorhaben den großen Vorteil, nichts mit der Borniertheit der Franzosen und ihrem eigenen Selbstgefallen zu tun haben zu müssen.

Zum Zweiten - glaubt man den oft und eilig veröffentlichten Beiträgen in Wort und Schrift -  sind Instrumente und Module zumindest rein technisch so ausgelegt, dass sie mindestens bis zum Jahr 2025 halten.

Doch auch hier stellt sich die Frage: Wie hinkommen? Vermutlich nur als Anhalter durch die Galaxis, lautet die ernüchternde Antwort.

Columbus ist das aufwändigste Labor der Raumfahrtgeschichte, befindet sich inmitten der ISS und kann von Europäern seit jeher bestenfalls auf dem Rücksitz derer erreicht werden, die sich erbarmen, die stolze europäische Raumfahrtelite als Juniorpartner auf den Kurztrip dorthin mitzunehmen.

Das waren in der Vergangenheit vornehmlich die Amerikaner. In jüngster Zeit auch schon mal die russischen Sojus-Kapseln. Bislang steht noch immer der Beschluss, das Shuttle im kommenden Jahr auszumustern, Überlegungen, diesen Schritt zurück zu nehmen, werden indes angestellt, da ein Nachfolgesystem wohl nicht vor dem Jahr 2015 bereit steht. Was fehlt? Richtig, ein eigener europäischer Zugang.  

60% des westlichen Teils der ISS kommen aus Europa. In diesen Modulen arbeiten und leben Astronauten, doch nach oben kommen sie (sofern Europäer) nur als Beifahrer! Leider bittere Tatsache und kein schlechter Treppenwitz.

Europas Ariane-Rakete hat bisher keine Menschen ins All geschickt. Jules Verne, das neu entwickelte Automatische Transvervehikel (ATV; da entlehnt man schon Formulierungshilfen im angloamerikanischen Sprachraum und dann kommt das dabei heraus) hat im vergangenen Jahr zwar überaus eindrucksvoll seinen Jungfernflug gemeistert und völlig zu Recht die Anerkennung der Fachwelt erhalten, ist zum Missionsende jedoch (wie beabsichtigt) in der Erdatmosphäre verglüht. Das ATV fliegt also nur nach oben, kann aber nicht nach unten! Vertrackt, wenn es um Personalbeförderung geht.  

Bis auf einen geeigneten Hitzeschild verfügt Europa über alle technischen Komponenten und (JA, ich polemisiere, und ja, auch schon die ganze Zeit, und zwar bewusst!!) wenigstens in Deutschland über das notwendige Know-how, um diesen eigenen Zugang auf Basis des ATV zu realisieren. Doch wie üblich fehlt es an politischem Willen, die 10 Millionen Euro Studiengelder, die die Machbarkeit des Ausbaus des ATV untersuchen sollen, sind nichts weiter als das vermeintliche Feigenblatt auf der Blöße europäischer Stümperhaftigkeit.

Trösten wir uns also mit dem Live Bericht aus der Stadt der Liebe, und hoffen für die Jungastronauten, dass sich bei Gelegenheit dann auch ein Reiseziel nebst Mitfahrgelegenheit ergibt.

Unter  http://www.esa.int die Pressekonferenz


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Kommentare

  1. Stefan Taube Stümperhaftigkeit
    20.05.2009 | 21:29

    Dem ist nichts hinzuzufügen, eine wohltuende Polemik! Den sechs neuen Astronauten ist das aber natürlich nicht anzulasten. Anders als die Schnarchnasen aus der Politik haben diese jungen Leute die richtige Visionen und das Zeug dazu, um zu den Sternen zu reisen. Ich wünsche den sechs Astroazubis jedenfalls alles Gute!

  2. Daniel Sproll kein Betreff
    21.05.2009 | 12:19

    Amen.
    Da spricht mir der Herr Depka aus der Seele. Wohin man in der Raumfahrtgemeinde sieht, sieht man im Bereich der bemannten Raumfahrt vor allem eins: nichts. Keine Visionen, vage Ziele und vor allem kaum Mittel um sie umzusetzen. Da können nur halbgare Projekte herauskommen. Man bleibt meilenweit (und in Europa kilometerweit) hinter dem zurück, was technisch möglich wäre.
    Ich halte es langsamer für wahrscheinlicher, dass SpaceX oder andere private Unternehmen Leute ins All schicken als dass die ESA das aus eigener Kraft schafft...

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