Hatte Einstein Recht?
von Stefan Oldenburg, 29. September 2009, 11:50
Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit, aber beim Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher.
Oft wird er zitiert, dieser Albert Einstein zugeschriebene Aphorismus. Aus aktuellem Anlass drängt sich die Frage auf: Wie ausgeprägt ist denn diese menschliche Eigenschaft bei den deutschen Nichtwählern und Wählern?
Da wählt bei den Bundestagswahlen ein knappes Drittel der Wahlberechtigten gar nicht und hievt damit jene Regierung ins Amt, die viele der Nichtwähler ganz sicher nicht haben wollten.
Zwei Prozent geben der Piratenpartei ihre Stimme (jeder zehnte Erstwähler!), in offenkundiger Unkenntnis der destruktiven Ziele dieser Partei, die dem übernächsten Bundestag mit hoher Wahrscheinlichkeit angehören wird. Wofür stehen die "Piraten"? Insbesondere für die Abschaffung des Urheberrechts. Alles zum freien Download im Internet bedeutet zuende gedacht: Es braucht keine Autoren, Journalisten, Fotografen mehr, weil es keine Verlage mehr geben wird, die für die Arbeiten bezahlen könnten. Es braucht auch keine Kinos mehr, keine Musiklabels, wenn Filme und Musik kostenfrei erhältlich sind. Und so weiter und so fort. Mich überrascht, wie sehr diese Partei unterschätzt wird, die bei ihrer ersten Bundestagswahl aus dem Stand zwei Prozent der Stimmen erhalten hat; zum Vergleich: Die Grünen erzielten bei ihrem ersten Auftritt zur Bundestagswahl 1980 1,5 %, allerdings bei deutlich höherer Wahlbeteiligung. Wo bleiben jetzt beispielsweise die Aufschreie der Verlage, der schreibenden Zunft? Es ist doch klar, wohin die Reise ginge, wenn geistiges Eigentum einfach geklaut werden könnte. Wo alles umsonst verfügbar ist, fließt zunächst kein Geld mehr an die Urheber, Qualität versiegt, schlussendlich gibt es gar nichts mehr. Das ist der logische Lauf der Dinge.
Wie ist es zu deuten, wenn breite Teile der Wählerschaft ihre Stimme(n) jener reinen Klientelpartei geben, welche für die Interessen lediglich weniger Kleingruppen eintritt? Von der "Partei der Besserverdiener" – wir erinnern uns gerne an diesen herzerfrischenden Slogan aus den 90ern – ist heute nicht mehr offiziell die Rede, die gelbe Partei weiß warum, doch sie war es immer und wird es immer bleiben. Da erhält jene Partei massenhaft Stimmen, deren Neoliberalismus die Finanz- und Wirtschaftskrise erst möglich gemacht hat. Die für jeden spürbaren Folgen der Krise stehen übrigens noch aus: Arbeitslosigkeit, Inflation. Aber wir hören: "Arbeit muss sich wieder lohnen"! Ein wahrlich frecher Satz aus dem Munde einer Partei, welche die Niedriglohnjobs in den 90ern erst einführte, und welche den Kündigungsschutz nun noch weiter lockern möchte. Bei dieser Partei sind soziale Gedanken nicht im Ansatz erkennbar, die der gesamten Gesellschaft dienen. Teile der Wirtschaft freilich jubilieren, Aktienkurse der Atomstromanbieter schnellen prompt in die Höhe, das sind Zeichen, die leider allzu vorhersehbar waren. Wo wird mit dieser Regierung Raum für Umweltschutz sein, für Klimaschutz, für eine auf Nachhaltigkeit setzende Energiepolitik? Sicher wird in Koalitionsgesprächen das vor den Wahlen erklärte Geschenk der Steuersenkungen auch umgesetzt werden, leider aber nicht so, wie es dem Großteil der Regierungs-Wähler schmecken dürfte: Besserverdiener werden entlastet, die Umsatzsteuer wird angehoben. Wetten dass?!
Ach ja, das Bild vom Generalsekretär der Neoliberalen bei seinem Gang durchs Volk, das ich am Samstag auf dem "Heidelberger Herbst" aufnahm, möchte ich nicht vorenthalten. Wohlwahr: Arbeit muss sich wieder lohnen. Und Einsteins schöner Spruch erscheint nach dieser Bundestagswahl in neuem Licht.

Arbeit muss sich wieder lohnen. Foto: Stefan Oldenburg
Clear Skies, Stefan Oldenburg




Was hat der Artikel mit Astronomie zu tun?
Ein Auszug aus "Über Kosmologs":
Unsere Blogger - Wissenschaftler, Raumfahrtexperten und Sternfreunde - sind Meinungsbildner auf ihren Gebieten. Sie suchen sich ihre Themen selbst und sind unabhängig darin, was und wie sie schreiben. Damit sind die Kosmologs authentisch, ungefiltert - und eröffnen neue, ungewöhnliche Perspektiven.
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Wie es sich für Blogs gehört decken sie ein breites Themenspektrum ab. Von harter Wissenschaft bis hin zu ganz persönlichem .
Das sind regelmäßig die beiden Motivationen, wenn mal wieder ein etablierter Schreiberling für das Urheberrecht zu Felde zieht. Alles nichts Neues, aber in diesem Fall besonders schade, weil das hier ja eigentlich ein anspruchsvolles Forum sein sollte. Da wollte man erwarten, dass der Autor sich wenigstens mit dem aktuellen Stand der Debatte ein bisschen auseinandersetzt, bevor er deklariert, was der "logische Lauf der Dinge" sei.
Ich empfehle eine Lektüre von Boldrin/Levine, "Against Intellectual Monopoly", welches hier kostenlos online verfügbar ist: http://www.dklevine.com/...ntellectual/against.htm
Dann nachdenken, dann gerne wieder schreiben. Danke.
@Martin: Na, eigentlich hat Quintil ja nur gefragt, was der Blog mit Astronomie zu tun hat.
@Quintil: Nichts.
@Björn: Es wäre schon sehr nett, wenn du deine Meinung mit eigenen Worten kund tun könntest anstatt sie hinter Links zu verstecken, bzw. die gerade aufkommende Diskussion mit Beleidigungen und Unterstellungen ("Eigeninteresse", "Ahnungslosigkeit", "Schreiberling") auf ein tiefliegendes Niveau zu ziehen versuchst. Ich hoffe sehr, dass dies hier nicht fruchtet. Motto: Erst abregen, dann kommentieren.
@ Quintil
In der Tat: Dieser Beitrag hat mit Astronomie absolut nichts zu tun. 63 Beiträge in meinem Blog "Clear Skies" behandelten bislang durchgängig astronomische Themen, dieser erstmals nicht. Dazu stehe ich. :-)
@ Björn
Ich verstehe schlichtweg nicht, was Sie sagen möchten?
Bestimmt hatte Albert Einstein diese Aussage locker von sich gegeben, jedenfalls derjenige, der sie gemacht hat.
Wenn ich mich recht erinnere, habe ich über Dietrich Bonhoefer gelesen, dass seine wesentlichste Erfahrung im faschistischem Konzentrationslager gewesen sein soll: Die schlimmste Geisel der Menschheit ist nicht die Bosheit, denn sie trägt den Keim ihrer Vernichtung in sich, sondern die Dummheit, gegen sie ist kein Kraut gewachsen.
Und ich kann noch den Satz eines Physikers zitieren: Wenn eine Flüssigkeit durch ein Rohr strömt, so strömt sie schneller, wenn das Rohr enger wird. Wenn eine Menschenmenge auf eine Engstelle trifft, so bewegt sie sich langsamer; in manchen Fällen verkeilt sie sich sogar und Einzelne werden totgetrampelt. Nun kann man einer Flüssigkeit mit Sicherheit eine Intelligenz von Null zuschreiben, woraus folgt, dass eine Menschenmenge eine negative Intelligenz hat.
Da kann man nur hinzufügen, dass dieses dumme Verhalten bei vielen anderen Vorgängen zu beobachten ist. Der wesentlichste Grund hierfür scheint der Egoismus zu sein; die Mehrheit der Menschen denkt nicht weiter als eine Hutkrempe. Wenn in früherer Zeit sich keine Verhaltensregeln, eine Ethik und Moral entwickelt hätten, gäbe es keine Menschheit. Mit dem Verlust solcher Werte, die sich auf arterhaltendes Verhalten herausgebildet haben, wird sich - entgegen Bonhoefer und wegen der Globalisierung - die Menschheit vernichten. Wie vermutlich alle ehemals vernunftbegabten höheren Kulturen auf anderen Planeten sich vernichtet haben, selbst wenn sie keine Kriege gegeneinander führten. Ansonsten hätten sich andere Wesen uns Erdlingen bestimmt bemerkbar gemacht.
Ja, ich habe die Frage schon verstanden. Aber was wollte der Kommentator damit ausdrücken? Daß in einem Astronomieblog nur Astronomie zu finden ist. Und das entspricht aber nicht dem Selbstverständnis eines Blogs. Da geht es nicht nur um das hauptsächliche Thema, sondern auch um persönliches, Meinungen etc. Das sollte man doch wissen.
Das Problem an diesem Einsteinzitat ist doch, dass jeder der es benutzt, für sich in Anspruch nimmt, eine Insel der Vernunft im Meer der Dummheit zu sein.
Man kann die Wahl nämlich auch anders sehen, als es Clear Skies tut, ohne deswegen dumm zu sein.
Beispiel: Ich habe ein gewisses Verständnis für die traditionellen SPD-Wähler, die diesmal der Wahl fern geblieben sind, denn es ist doch offensichtlich, dass sich die SPD in den vielen Regierungsjahren verschlissen hat. Sich in der Opposition neu zu finden ist doch das Beste, was der SPD passieren kann. Dass traditionelle SPD-Wähler dann lieber gar nicht, als was anderes wählen ist so dumm nicht.
Nicht nur die Darstellung der Piratenpartei, auch die der FDP ist hier wenig differenziert. Die FDP tritt nunmal als einzige Partei für den berufstätigen Steuerzahler ein. Diese aussterbende Spezies als Klientel zu bezeichnen mag vielleicht richtig sein, das spricht dann aber nicht gegen die FDP, sondenr ist einfach nur traurig. Man darf nicht vergessen, dass wir nun so viele Jahre hatten, in denen die SPD Zeit gehabt hätte sozialdemokratische Politik zu machen. Aber wo sind denn die Ganztagsschulen, die Krippenplätze, die Vereinbahrkeit von Arbeit und Familie? Stattdessen haben wir Hartz IV-Murks. Nein, unsozialer als mit der SPD wird es mit der FDP bestimmt nicht. Wäre die SPD sozial, gäbe es keine Linke.
Zu den Details der Aenderung der Copyright-Gesetzgebung, wie sie die Piratenpartei propagiert, will ich mich hier nicht äußern.
Was aber die Forderungen zum freien Zugang zu wissenschaftlicher Information angeht, da halte ich den aktuellen Zustand und die Richtung, in die er sich entwickelt, für kaum noch tragbar.
Es hat eine gewaltige Konzentration im wissenschaftlichen Publikationsbetrieb auf nunmehr nur noch drei große Herausgeber stattgefunden. Ist dies wirklich noch der Wissenschaft zuträglich? Nutzt das den Autoren oder den Lesern (Wissenschaftlern und Studenten). Was ist mit Wissenschaftlern, die nicht über finanzielle Mittel verfügen, wie an kleinen Universitäten oder in der dritten Welt?
Oder sind wir an einem Punkt angelangt, wo der wissenschaftliche Produktionsbetrieb eine Geldmaschine für wenige Monopolisten geworden ist und nicht die Verbreitung von Information und der wissenschaftliche Fortschritt im Vordergrund stehen?
Ist es wirklich wünschenswert, wenn man ein Paper sucht, aber jedesmal die Kreditkarte zuücken darf - wobei manchmal der Autor auch noch bezahlen musste, damit sein Paper veroeffentlicht wird, allemal aber, damit er von seinem eigenen Paper eine PDF-Version erhält?
Ich denke, man muss nicht die Piratenpartei unterstützen, um an dieser Stelle eine Fehlentwicklung und einen politischen Handlungsbedarf zu sehen.
Mein Kommentar hat sogar direkt mit Wissenschaft zu tun, wie ich bei nochmaligem Nachlesen mit nicht geringer Genugtuung feststellen musste. :-)
Da legen Sie mir aber reichlich Aussagen in den Mund, die meinem Beitrag so definitiv nicht zu entnehmen sind. Ich sage keineswegs, dieser oder jener Wähler sei dumm?! :-)
Es ist manchmal ganz hilfreich, einfach mal einen Schritt zurück zu treten und nicht alles toternst zu sehen. Das Einstein-Zitat wird doch wohl niemand ernsthaft als Beschimpfung Einzelner verstehen wollen.
Die Fehler der SPD sehe ich ähnlich wie Sie.