Von Glorien und Gespenstern
Nebel und Wolken - eigentlich Feinde des Astronomen - sind manchmal
für interessante optische Erscheinungen gut. Vor längerer Zeit hatte ich
schon mal den 22°-Halo beschrieben. Dieser Ring um die Sonne entsteht
einige Kilometer über uns in den Eiskristallen der Cirruswolken. Die
Erscheinungen, um die es jetzt gehen soll, sind uns erheblich näher.
Allen diesen Phänomenen ist gemeinsam, dass sie in der Lufthülle der
Erde stattfinden. Sie werden deshalb auch "atmosphärische Erscheinungen"
genannt.
Eine sehr bekannte atmosphärische Erscheinung ist der Regenbogen,
jeder dürfte ihn schon mal gesehen haben. Die Erklärung ist prinzipiell
recht einfach: Sonnenlicht trifft auf die Millimeter großen
Regentropfen. Das Wasser der Tropfen hat einen anderen Brechungsindex
als die Luft, anders ausgedrückt, das Licht bewegt sich im Wasser
langsamer als in der Luft. Dadurch kommt es zur Lichtbrechung beim
Übergang zwischen Luft und Wasser. Der Hauptregenbogen entsteht durch
zweimalige Brechung und Reflexion eines Lichtstrahls im Tropfen (siehe
Abbildung 1, Bildquelle: Wikipedia). Weil der Brechungsindex darüber hinaus von der Lichtfarbe
abhängt (also der Wellenlänge), wird das blaue Licht stärker gebrochen
als das rote. Diesen Effekt nennt man Dispersion: Das weiße Sonnenlicht
(das alle Lichtfarben enthält) wird in alle Farben, also Wellenlängen
aufgepalten - der Regenbogen entsteht.
Abbildung 2: Ein prachtvoller Regenbogen. Sichtbar sind der Primärbogen, der Sekundärbogen sowie Interferenzbögen.
Über Regenbögen kann man einen eigenen Blog schreiben, es gibt
zahlreiche Details und Spezialphänomene (über eines, den gespiegelten
Regenbogen, habe ich schon einmal berichtet). Hier soll es aber um ein
anderes, selteneres Phänomen gehen: den Nebelbogen.
Nebel + Regenbogen = Nebelbogen
Abbildung 3: Ein Nebelbogen entsteht im Prinzip wie ein Regenbogen, ist aber weiß und diffus. Dieses Bild entstand auf einer Wanderung, als ich mich mitten durch eine Wolkenschicht bewegte. Von Westen schien die Sonne in die Wolken.
Auch Nebel besteht ja letztlich aus Wassertropfen. Nebel ist nichts
anderes als Wolken, die bis zum Boden reichen. Deshalb nicht wundern,
wenn hier von "Nebelbogen" und "Wolken" gleichzeitig die Rede ist.
Was passiert also, wenn Sonnenlicht auf die Nebel- bzw. Wolckentröpfchen
trifft? Im Prinzip genau das gleiche wie beim Regenbogen. Allerdings
sind die Nebeltröpfchen erheblich kleiner als Regentropfen: ihr
Durchmesser schwankt zwischen einem und 100 Mikrometern, also 0,001 bis
0,1 Millimetern. Bei dieser Größe spielen die Welleneigenschaften des
Lichts eine entscheidende Rolle.
In Abbildung 1 wurde Licht als Lichtstrahlen aufgefasst, seine
Wellennatur haben wir nicht berücksichtigt. Das ist legitim, denn ein
Regentropfen ist viel größer als die typische Lichtwellenlänge, die
zwischen 400 und 800 Nanometern (0,0004 und 0,0008 Millimeter) liegt.
Nebeltröpfchen kommen diesen Werten aber schon näher. Daher tritt bei
ihnen ein Phänomen in Erscheinung, das Lichtbeugung genannt wird. Diese
führt letzlich dazu, dass sich die Farben des entstehenden Nebelbogens
überlagern und sich somit wieder zu weißem Licht mischen. Der
Nebelbogen ist daher weiß und deutlich breiter als ein Regenbogen.
Abbildung 4: Diese Grafik zeigt die Auswirkungen verschiedener Tröfchengrößen von 800 Mikrometern (rechts) bis hin zu 12 Mikrometern. Les Cowley, http://www.atoptics.co.uk)
Die
Abbildung 4 zeigt, wie sich die Tröpfchengröße auf das Erscheinungsbild
des Bogens auswirkt. Sind die Tröpfchen größer als ein halber Millimeter
(500 Mikrometer), dann sehen wir einen klassischen Regenbogen - je
größer die Tropfen, desto kräftiger die Farben. Bei kleineren Tröpfchen
verschwimmen die Farben zu einem weißen Bogen, der immer breiter und
diffuser wird, je kleiner die Tröpfchen sind. Unterhalb von fünf
Mikrometern ist der Bogen zu diffus und daher unsichtbar. Außerdem kann
man erkennen, dass sich innerhalb des Hauptbogens bei kleinen Tröpfchen
noch weitere, bunte Interferenzbögen anschließen. Diese entstehen durch
weitere Überlagerung der Lichtwellen, sind jedoch meist zu schwach und
daher nicht sichtbar.
Die Glorie
Regen- und Nebelbogen erscheinen immer im sonnenabgewandten Punkt, also mit der Sonne im Rücken. Der größte Teil des Bogens liegt damit unter dem Horizont. Je tiefer die Sonne steht, desto größer ist der Teil des Bogens, der über dem Horizont liegt und damit sichtbar ist. Besonders interessant wird es, wenn man auf einem erhöhten Standpunkt aus mit der Sonne im Rücken nach unten, etwa auf eine Wolkenschicht blickt. Dann kann man fast den gesamten Bogen , und insbesondere auch den Sonnengegenpunkt selbst sehen.
Abbildung 5: Glorie und Brockengespenst. Der Nebelbogen läge weiter vom Sonnengegenpunkt entfernt, also in diesem Fall oberhalb der Wolkenschicht. Dort aber fehlen die Wassertröpfchen, daher sehen wir hier keinen Nebelbogen. Das Bild entstand auf der selben Wanderung wie Abbildung 3, allerdings hatten sich die Wolken nun weiter in den Talkessel zurückgezogen.
Um besser zu demonstrieren, wie so ein Brockengespenst wirkt, habe ich hier drei kurze Videoclips hochgeladen: Video 1, Video 2 und Video 3.
Die in Abbildung 5 und 6 gezeigten Fotos habe ich (wie auch Abbildung 3) im April 2010 gemacht. Es
zeigt den Blick in die wolkengefüllte Caldera de Taburiente auf La
Palma, von einem Standpunkt etwa 2000 Meter über dem Meer aus gesehen.
Man erkennt zwei interessante Phänomene darauf, denn man sieht genau in
den Sonnengegenpunkt: die Glorie und das so genannte Brockengespenst.
Die Glorie entsteht genau im den Sonnengegenpunkt (oder antisolaren
Punkt). Sie zeigt sich als heller, kreisrunder Ring, der meist noch von
weiteren, farbigen und konzentrischen Ringen umgeben ist. Je weiter die
Nebelwand oder die Wolkendecke entfernt ist, desto größer erscheint die
Glorie. Messungen zeigen, dass das Licht der Glorie stark polarisiert
ist. Dies deutet darauf hin, dass es sich um Licht handelt, dass in den
Wassertröpfchen gebrochen und um 180° reflektiert wird. Doch wie genau
die Glorie entsteht, ist schwierig zu erklären und offenbar auch noch
nicht völlig verstanden. Brechung, Reflexion und Lichtbeugung alleine
vermögen die Glorie nicht erklären zu können, hier spielt außerdem die
Streuung des Lichts an den winzigen Tröpfchen eine Rolle, die so
genannte Mie-Streuung. Doch auch diese Theorie erklärt das Phänomen der
Glorie nicht hinreichend: Sie fordert eine einmalige Reflexion des
Lichts an der Tröpfchenoberfläche, dies jedoch würde nicht ausreichen,
um den Rückstrahlwinkel von 180° zu erreichen - der Brechungsindex von
Wasser ist schlicht zu klein! Vermutlich kommt noch ein weiterer Effekt
hinzu: Oberflächenwellen, die bei streifend einfallendem Licht die
Reflexion und Brechung verzögern. Man muss betonen, dass diese auf dieser Internetseite beschriebene
Interpretation womöglich noch nicht endgültig ist!
Das Brockengespenst
Wir wollen auch nicht zu sehr in die Details hinabsteigen und wenden
uns lieber noch einem weiteren, ebenfalls sehr eindrucksvollen Phänomen
zu. Es ist auch viel einfacher zu verstehen: Genau auf der
Verbindungslinie vom antisolaren Punkt zur Sonne befindet sich ja der
Beobachter, bzw. der Kopf desselben! Wenn nun die Wolkenfläche oder
Nebelwand nicht allzuweit entfernt ist, dann sieht man inmitten der
Glorie den Schatten seines eigenen Kopfes bzw. seines Körpers. Das kann
ganz schön unheimlich aussehen, insbesondere, wenn sich die Nebelwand
bewegt und infolge dessen auch das Schattenbild. Ein solches Phänomen
nennt man "Brockengespenst" - nach dem Brocken im Harz, wo man solche
Erscheinungen oft beobachten kann. Die Perspektive kann das Schattenbild
derart grotesk verändern, dass man tatsächlich den Eindruck eines
großen, sich bewegenden "Gespensts" hat!
Leider sind diese Phänomene in den üblichen Breiten eher selten, häufig kann man sie dagegen in den Bergen sehen. Zum Schuss noch zwei Linktipps. Zum einen sei auf die Seite von Les Cowley verwiesen, der meiner Meinung nach beste Sammlung von Bildern und Erklärungen zu atmosphärischen Phänomenen des ganzen Internets hat. Zum anderen gibt es von ihm ein kostenloses Programm, mit dem man die hier beschriebenen Phänomene am PC simulieren kann. Das Programm nennt sich Iris (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Astrofotografieprogramm) und ist unter diesem Link zu finden.









Halo?
Ist das nicht ein Computerspiel?
http://members.chello.at/karl.bednarik/HALO-D.JPG