Lichtverschmutzung 2.0 - der Horror geht weiter
Vergessen Sie alles, was Sie über Lichtverschmutzung zu wissen glauben:
Jetzt kommt die LED-Technik! Auf was für Scheußlichkeiten wir uns in
Zukunft einstellen müssen – und warum es trotzdem keinen Grund zur
Resignation gibt.
Als ich mich vor ein paar Wochen kritisch über den Bundeswettbewerb zur effizienten Stadtbeleuchtung geäußert habe, ergab sich eine kleine Diskussion. Christian Reinboth von der HarzOptics GmbH
schrieb in einem Kommentar, dass die neue LED-Technik bei richtiger
Anwendung zu einer Reduzierung des Streulichts und damit der
Lichtverschmutzung beitragen könne. In seinem eigenen Blog
führt er dieses Thema weiter aus. Ich möchte Christians gute Absichten
nicht in Abrede stellen, aber ich halte seine Einschätzung für ein
bisschen zu blauäugig. Die Entwicklung geht längst in eine andere, sehr
schlimme Richtung.
Blau ist das Stichwort. Der blaue Lichthorror, der seit ein paar Wochen
im Raum Karlsruhe für Unruhe sorgt, könnte ein "Vorbild" sein für das,
was uns die Lichtfanatiker als nächstes vorsetzen wollen. Hitzig wurde
in diversen Astronomieforen darüber diskutiert. Mit eigenen Augen habe
ich es bislang nicht sehen müssen, deshalb zitiere ich die Homepage der Astronomiefreunde Waghäusel e.V.:
Mit sprachlosem Entsetzen haben wir nach der Eröffnung des Standortes des oberderdinger Unternehmens BLANCO in Bruchsal zur Kenntnis nehmen müssen, dass der Nachthimmel nie wieder dunkel sein würde. Mit einer Leistung von rund 40.000 Watt strahlen etwa 16.000 blaue LEDs an der Edelstahlfassade des Logistikzentrums entlang senkrecht in den Himmel. Myriarden von Staubteilchen Dampftröpfchen und Aerosole streuen die Lichtstrahlen - und die Unterseite von Wolken, so sie vorhanden sind, erstrahlen in tiefem Blau. Ein schrecklicher Lichtdom ungekannten Ausmaßes reckt sich wie ein drohender Finger kilometerweit in die Höhe und macht alle Versuche noch einigermaßen sinnvoll Astronomie zu betreiben zunichte.
Bild rechts: Lichtwerbung bizarr - der "Leuchtturm von Bruchsal". Diese Montage aus zwei Einzelbildern gibt den visuellen Eindruck gut wieder. (Rolf Kaiser)
Doch der Reihe nach: Bruchsal ist Sitz des Logistikzentrums der Firma Blanco,
eines Herstellers für Spülen. Um das Gebäude "in Szene" zu setzen, hat
man sich bei Blanco etwas ganz besonderes ausgedacht: Rund 16.000 blaue
LEDs sollen die Halle erhellen – von außen, wohlgemerkt. Das allein
wäre ja nichts Neues. Damit aber auch der Rest des Sonnensystems etwas
von der Blancowerbung hat, schießt ein erheblicher Teil des Lichts am
Gebäude vorbei in den Nachthimmel und dann ab in den Weltraum.
Ergebnis: ein mehrere Kilometer hoher Lichtdom erhellt nun den kleinen
Ort und die Landschaft drum herum, selbst aus 40 Kilometern Entfernung
ist der "bruchsaler Bunsenbrenner" noch sichtbar. Pech für alle, die es
nachts gerne dunkel hätten: Die Nacht war gestern – heute ist Blanco!
Während sich Firmenleitung und die örtliche Presse noch über den tollen
Coup freuten, fanden ein paar Amateurastronomen, dass das Ende der
Nacht gar kein Grund zum feiern sei. Die Spielverderber beschwerten sich
und starteten eine ausgewachsene Pressekampagne.
Mit Erfolg: Nach einigem Hin- und Her lenkte der Spülenhersteller ein
und versprach, die Leuchten geeignet abzuschirmen und die Beleuchtung
auf das Gebäude zu beschränken. So schön dieser Erfolg der Astronomen
auch ist – den Worten müssen erst einmal Taten folgen. Und auch wenn
sich Blanco an sein Wort hält, ist das kein Grund, das Thema zu den
Akten zu legen.
Denn
erstens ist Blanco ein Menetekel für die Beleuchtungskatastrophen, die
uns durch die LED-Technik noch bevorstehen. Ein paar Dutzend Anlagen
dieses Kalibers und die Nacht ist hierzulande endgültig Geschichte, Sterne gucken
kann man dann vergessen. Zweitens kann man anhand der Vorkommnisse sehr
schön studieren, wie künftige Konflikte ablaufen werden und worauf man
sich einstellen muss, will man die Blancoisierung der Nacht nicht so
ohne weiteres hinnehmen.
Links: Der neue Nordwesthorizont der Privatsternwarte Kaiser in Obergrombach. (Rolf Kaiser)
40.000 Watt – das sei ja fünfmal weniger als eine herkömmliche
Beleuchtung verbraucht hätte, so jubelte die Geschäftsleitung der
Spülenbauer. Damit sei die Werbeanlage besonders energiesparend –
"grüne" Lichtverschmutzung sozusagen. Das ist das Problem: Weil LEDs
bei gleicher Lichtausbeute tatsächlich deutlich weniger Strom
verbrauchen als herkömmliche Lampen, wird zukünftig alles, was damit
angestellt wird, unter dem Titel "energiesparend" verkauft – so
sinnfrei die einzelne Anwendung auch sein mag. Wenn Milchmädchen
rechnen oder Unternehmer plötzlich Umweltschutzkompetenzen entdecken,
sollte man aber besser zweimal hinschauen. Denn das Argument hinkt, und
zwar gewaltig: Licht, dass einfach zum Spaß in die Luft geschossen
wird, ist immer
verpulvert, egal wie hoch die Leistung der Lampen auch sein mag.
LED-Technik macht Sinn bei notwendiger Beleuchtung, etwa im
Straßenverkehr, nicht aber bei Anlagen, die überflüssig, maßlos und
schädlich sind und nur der Werbung dienen. Das Pseudoargument
"energiesparend" werden uns die Lichtverschmutzer in Zukunft verstärkt
um die Ohren hauen und damit all die Sauereien rechtfertigen, die schon
in ihren Schubladen liegen. Nein, die LED-Technik in der Beleuchtung
ist zu begrüßen, weil sie Energie sparen kann und Lichtverschmutzung reduzieren kann,
wenn man sie denn richtig einsetzt. Nur leider wird der Mensch, wie so
oft, mit dieser Technologie auch eine Menge Unsinn anstellen.
Und ab ins All: Energiesparende Außenbeleuchtung 2008 - Innovation made by Holper in Austria. (Rolf Kaiser)
Umweltschutzgedanken sind den Lichtfreaks fern, der Sternenhimmel noch
viel ferner. Ihre wirkliche Einstellung wird durch eine nette Anekdote
der Blancostory offenbar. In einem Bericht über den Protest der Sternfreunde Waghäusel in den Badischen Neuesten Nachrichten
vom 2. August meldete sich auch Frank Straub zu Wort,
geschäftsführender Gesellschafter des Spülenproduzenten. Ja, mit der
Außenbeleuchtung habe man eine werbewirksame Präsentation des
Unternehmens beabsichtigt. "Was wir nicht wussten, war, dass das Licht
so hoch strahlt." Als man bei der Premiere die wahren Ausmaße der
Anlage dann bemerkt hatte war die Reaktion darauf – Freude. "Ein
angenehmer Nebeneffekt, der zunächst Begeisterung ausgelöst habe..."
Im Klartext: Der von Blanco engagierte "Beleuchtungskünstler", ein gewisser Walter Holper
aus Haid in Österreich, hat den Auftrag sagenhaft dilettantisch
realisiert. Was ihn auch immer zum Lichtdesigner qualifiziert, ist mir
schleierhaft, offensichtlich ist er schon mit der Ausrichtung von
Lampen auf ein Gebäude überfordert. Doch anstatt das Malheur zu
erkennen und die Anlage nachzubessern, fand man das Resultat
allenthalben so toll, dass man die Lichtsauerei hinterher auch noch
besondere Innovation der Werbekunst präsentierte. Ein unglaublicher
Vorgang. Eine solche Aussage wie die von Herrn Straub zeugt von einem
ungekannten Ausmaß an Ignoranz. Was außerhalb des Unternehmens so
passiert, wird nicht wahrgenommen. Und wenn Herr Straub dann im selben
Artikel meint, er habe den Eindruck, dass "sich der öffentliche
Verdruss über das Phänomen Lichtverschmutzung momentan auf die Firma
Blanco konzentriert" möchte man ihm nur zurufen: "Vielleicht, weil die
Firma Blanco einer der zur Zeit größten Lichtverschmutzer Deutschlands
ist?"
Bild links: Der "bruchsaler Bunsenbrenner" aus 20(!) Kilometer Entfernung. (Wolfgang Stegmüller)
Aber immerhin – die Firma hat sich bereit erklärt, auf die Kritik zu reagieren und einzulenken: Durch Abschirmbleche am oberen Gebäuderand soll die Abstrahlung des LED-Lichts in den Himmel wirksam verhindert werden. Außerdem wolle man prüfen, ob eine leichte Winkelveränderungen der Strahler notwendig sei. Im September soll darüber hinaus während des Vogelzugs und bis zum Abschluss der baulichen Maßnahmen die Anlage komplett abgeschaltet werden. Dies alles wird der Firma sicherlich Geld kosten, und man muss Blanco diese Einsicht hoch anrechnen. Es scheint, als wären die Umweltleitlinien der Firma doch mehr als hohle Worte auf der Homepage, wo es heißt: "Bewahrung und Schutz unserer Umwelt ist Bestandteil der Unternehmenspolitik." Richtig wäre indes auch, die Zeche für die Nachbesserungen denjenigen zahlen zu lassen, der sie erforderlich gemacht hat: den Beleuchtungsamateur aus Österreich.
Wie gesagt – Worte sind noch keine Taten. Ich rate den Astronomen in
Waghäusel, weiter wachsam zu sein. Hoffentlich nimmt man bei Blanco die
Sache ernst und wartet nicht nur, dass sich die Wogen glätten um dann
von den Zusagen nichts mehr wissen zu wollen.
Pure Blanco-Werbung? Völlig kritiklose Berichterstattung in der Lokalpresse. Anklicken zum Vergrößern. (Badische Neueste Nachrichten)
Die Blancostory zeigt aber auch: Widerstand lohnt sich, ein paar Amateurastronomen können durchaus Erfolg haben, wenn sie sich nur richtig zu Wort melden und die Gegenseite mit sich reden lässt. Das sollte all jenen Mut machen, die sich mit ähnlichen Problemen herumschlagen. Auf Unterstützung von anderer Seite brauchen sie dabei indes nicht zu hoffen. Haben sich denn irgendwelche Umweltschutzverbände an der Anlage gestört? Wurde die Presse nicht erst aktiv, als sich der Widerstand von Seiten der Sterngucker regte? Die Frage, ob Blanco nicht ein bisschen am Ziel vorbei geschossen hat, kam offenbar keinem der Redakteure bei den Badischen Neuesten Nachrichten – und wieso 40.000 in den Nachthimmel gestrahlte Watt energiesparend sein sollen, hat auch niemanden interessiert. Die erste Meldung der genannten Zeitung sprach von einer "Weltpremiere" mit einer "hervorragenden Fernwirkung bei gleichzeitig geringem Energieeinsatz" und klang wie aus einer Blanco-Werbebroschüre entnommen. Das ist Journalismus, auf den man gut verzichten kann.
Nein, es waren wieder einmal einzig ein paar Amateurastronomen, die das
Maul aufbekommen haben. Dabei geht es hier gar nicht so sehr darum, ob
ein paar Sternengucker ihr Hobby noch betreiben können. Auch nicht, ob Zugvögel vom Kurs abkommen, Insekten verbrennen oder Fledermäuse keine Nahrung mehr finden. Ob zuviel Licht den Menschen krank macht, gar Krebs auslöst,
mag für die Medizin interessant sein, in anbetracht anderer
Gesundheitsrisiken verliert die Frage aber schnell an Bedeutung. Nein,
diese Dinge sind nicht zentral bei der Diskussion über
Lichtverschmutzung wie in Bruchsal. Der tiefer liegende Punkt ist ein
anderer.
Rechts: Vor Ort in Bruchsal. Was wird hier eigentlich beleuchtet? (Rolf Kaiser)
Es geht darum, welches Bedürfnis schwerer wiegt: Das des Unternehmers, für seinen wirtschaftlichen Erfolg einen möglichst großen Werbeerfolg zu erzielen – oder dass der Allgemeinheit auf eine ruhige und dunkle Nacht? Ich plädiere ganz klar für Letzteres, und nicht nur als Sterngucker. Eine Gesellschaft, die täglich von morgens bis abends von Werbemüll aus Nervradio, Deppenfernsehen und Blödzeitung bombardiert wird, hat Ruhephasen bitter nötig. Dazu gehört Stille, halbwegs saubere Luft, ein bisschen Rest-Natur und noch einiges mehr. Und – ja – auch die Dunkelheit. Ob Hobbyastronom oder nicht, die dunkle Nacht dient dem Menschen zur Erholung, physisch wie psychisch. Das Nervradio kann ich ausschalten, das Deppenfernsehen abmelden, die Blödzeitung am Kiosk liegen lassen – der Werbung am Nachthimmel bin ich ausgeliefert. Hier geht es darum, dass nicht alles sein muss, was sein kann: Ein Unternehmer darf und soll Werbung machen, aber bitte mit Rücksicht auf den Rest der Welt und bei Einhaltung gewisser Grenzen.
Es bleibt noch viel zu tun, für Resignation ist es zu früh. Erst wenige Länder kennen Gesetze gegen den Lichtwahn, in anderen gibt es zumindest Initiativen. In Deutschland kommt demnächst eine Petition vor den Ausschuss des Bundestages. Gerade ging in Wien das 8. Europäische Symposium zum Schutz des Nachthimmels zu Ende. Nächstes Jahr startet das internationale Jahr der Astronomie – sorgen wir, die Amateurastronomen dafür, dass das Problem Lichtverschmutzung nicht bloß am Rande auftaucht!
Oben: BNN am 2. August 2008. Anklicken zum Vergrößern.
Sicher, wir sind nicht viele. Weit mehr Menschen lassen sich lieber am
Wochenende Plastikmusik in Großraumdiskos um die Ohren blasen, als sich
mit einem Teleskop auf die Wiese zu stellen. Oder lieben es, sich Nacht
für Nacht von der barbusigen Frau im Verarschfernsehen das Geld aus der
Tasche ziehen zu lassen, während sie sich abmühen, 8 Begriffe mit
"doof" im Wort zu finden. Wir Amateurastronomen sind halt nicht normal.
Aber auch für uns hoffnungslose Spinner muss es in unserer großen
Gesellschaft ein Plätzchen geben – irgendwo auf einer dunklen Wiese.
Lasst es uns, bitte!
Und wenn nicht, dann müssen wir halt etwas für Unruhe sorgen, wie in Bruchsal.
Ich danke Wolfgang Stegmüller und den Astronomiefreunden 2000 Waghäusel für ihren Einsatz um den dunklen Nachthimmel über Bruchsal und darüber hinaus sowie für die freundliche Genehmigung, ihre Bilder hier verwenden zu dürfen!
Jan Hattenbach
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Mit
sprachlosem Entsetzen haben wir nach der Eröffnung des Standortes des
oberderdinger Unternehmens BLANCO in Bruchsal zur Kenntnis nehmen
müssen, dass der Nachthimmel nie wieder dunkel sein würde. Mit einer
Leistung von rund 40.000 Watt strahlen etwa 16.000 blaue LEDs an der
Edelstahlfassade des Logistikzentrums entlang senkrecht in den Himmel.
Myriarden von Staubteilchen Dampftröpfchen und Aerosole streuen die
Lichtstrahlen - und die Unterseite von Wolken, so sie vorhanden sind,
erstrahlen in tiefem Blau. Ein schrecklicher Lichtdom ungekannten
Ausmaßes reckt sich wie ein drohender Finger kilometerweit in die Höhe
und macht alle Versuche noch einigermaßen sinnvoll Astronomie zu
betreiben zunichte.




> Durch Abschirmbleche am oberen
> Gebäuderand soll die Abstrahlung des
> LED-Lichts in den Himmel wirksam
> verhindert werden.
Das klingt recht nett, aber ich glaube nicht so ganz daran. Der Vorteil bei LED-Leuchtkoerpern ist doch, dass sie so klein und kompakt sind, dass man ohne aufwaendige bauliche Aenderungen flexibel in der Lichtgestltung sein kann.
Schutzblech ja, aber warum werden die LEDs nicht gleich so daran befestigt, dass sie von der Dachkante nach innen und unten strahlen? Dann haette der Unternehmer seine Werbung und wuerde allen anderen trotzdem den Nachthimmel lassen. Ein weiterer Vorteil: Es liesse sich damit bestimmt noch eine Menge Strom sparen. Auch 40 kW * 12 Stunden pro Nacht * 365 Tage im Jahr macht stolze 175200 kWh im Jahr, schlaegt also immer noch finanziell nicht unerheblich zu Buche.
Somit existiert schon noch ein finanzieller Anreiz, nach einer besseren Loesung zu suchen.
Ich denke, in der Diskussion mit solchen Verursachern sollte man versuchen, kooperativ zu sein. Wahrscheinlich existieren da erhebliche Vorurteile, die verhindern, dass die richtig zuhoeren.
Es sollte erst einmal klargemacht werden, dass man gar nicht unbedingt denen ihr Licht nicht goennt. Die sollen es ja haben. Nur sollen sie es bitte schon auch fuer sich behalten und nicht ungefragt alle anderen damit begluecken.
Diese "umweltfreundliche" Himmelsbeleuchtung wird sicher bald Nachahmer finden. Vielleicht tragen solch krasse Fälle dazu bei, daß eine gesetzliche Regelung doch schneller zu Stande kommt.
Hallo Jan,
Deinen Artikel über die Lichtverschmutzung rund um Bruchsal musste ich gleich zwei mal lesen. Denn Du hast die treffende Worte geschrieben, die mir fehlen.
Wenn ich auf meiner Sternwarte bin, empfinde ich seit Wochen nur noch Frust und Ärger. Ab 0 Uhr 30 wird es angenehm, denn dann schaltet Blanco in ca. 12 km Entfernung sein Flutlicht aus.
Es wird Nacht!!!!!!!!!!!!!
Doch da ich noch kein Rentner bin, muss ich meine Geräte um die Uhrzeit wieder einpacken.
Vielen Dank für dein Schreiben.
Gruß Roland Zimmermann
Ich stimme Michael Kahn zu, dass man den Leuten nicht "mit dem Allerwertesten ins G'sicht fahren sollte" wie es auf gut österreichisch heißt. Erst mal aufklären. Den meisten Menschen - ob sie nun zu den Verursachern gehören oder nicht - ist es nicht einmal bewusst, dass Licht in der Nacht ein Problem ist - und das nicht nur für Astronomen, sondern für ziemlich viele Spezies auf diesem Planeten, für manche existenzbedrohend.
Das Beispiel Blanco wurde bei der Darksky 2008 in Wien vorgestellt, allerdings wurden wir auch informiert, dass es "hier bereits eine Lösung gebe", unter anderem eine Hotline, bei der Astronomen einen dunklen Himmel bestellen können (sprich, dass die Beleuchtung abgeschaltet wird). Was ist da dran? Oder habe ich was falsch verstanden?
Hallo Maria,
das mit der "hotline" stimmt, so weit ich das von Seiten der Waghäusler Astrofreunde weiss.
Aber bitte: soll man jetzt jeden Unternehmer anrufen müssen, damit er mal sein exorbitantes Werbelicht abstellt? Das ist überhaupt nicht praktikabel. Im Falle Blanco kann es nur eine Übergangslösung sein.
Kompromissbereitschaft ist wichtig - aber es gibt auch Ausnahmen. Entweder der Nachthimmel ist eine Werbefläche, oder nicht...
Viele Grüße,
Jan
In den siebziger Jahren las man oft von Zukunftsvisionen, daß man doch überdimensionale Spiegel im Weltraum installieren könne, mit denen man das Sonnenlicht auf die Nachtseite der Erde lenken könne. Dadurch könne man z.b. die Straßenbeleuchtung einsparen und die Kriminalität wesentlich eindämmen. Vollkommen hirnrissig, aber man hörte das damals immer wieder. Ich vermute fast, das kam aus dem Umfeld der NASA, weil man einen Rechtfertigungsdruck spürte wegen der hohen Kosten. Man wollte wohl etwas leicht zu begreifendes, auf den ersten Blick nützliches anbieten. Das wäre natürlich das Ende des nächtlichen Sternhimmels gewesen.
Hallo Marco,
1999 waren die Russen kurz davor, einen solchen Weltraumspiegel in Betrieb zu nehmen. Das Projekt scheiterte dann aben (aus meiner Sicht glücklicherweise) und der Spiegel verglühte beim Absturz in die Atmosphäre:
"Ein mehrere Kilometer breiter Lichtkegel soll Donnerstag abend über die Erde hinwegziehen. Ursprung des Lichts ist der Weltraumspiegel des russischen Raumfahrtprojekts “Snamja” , zu deutsch: “Flagge”. Die Strahlen aus dem Weltraum sollen nach Angaben der Forscher in den Polarregionen das Leben angenehmer machen und Stromkosten sparen. Bei gutem Wetter wird der Lichtkegel laut russischer Raumfahrtagentur kurz vor 19.00 Uhr MEZ auch in Deutschland zu sehen sein. Das kreisförmige Aluminiumsegel ist am Versorgungsschiff Progress befestigt, das an der Raumstation Mir ankert. Kosmonauten an Bord der Mir richten das Segel in einer Höhe von 360 Kilometer per Hand aus. Dann soll der Spiegel das nächtliche Kasachstan mit der fünf- bis zehnfachen Stärke von vollem Mondlicht erhellen. Der bis zu acht Kilometer breite Lichtkegel soll, der Umlaufbahn von Progress folgend, über Rußland, Deutschland, Belgien, Kanada und gegen 2.00 Uhr Freitag früh über den USA aufleuchten. Bereits im Februar 1993 hatten die russischen Forscher ein fünf Stunden dauerndes Experiment mit einem kleineren Segel durchgeführt. Sie planen, im Jahr 2000 einen Aluminiumspiegel mit einem Durchmesser von 70 Metern längerfristig aufzuspannen. Negative Auswirkungen, wie sie etwa von Umweltschützern für den Biorythmus von Tieren im arktischen Norden befürchtet werden, seien nach Ansicht der Forscher nicht zu erwarten. Es sei auch nicht geplant, die Erdoberfläche zu erwärmen oder den Pflanzenanbau in der Polarregion zu ermöglichen. Quelle: AFP, 3.2.99 "
"Moskau. - Der Weltraumspiegel, mit dem russische Wissenschaftler Sonnenstrahlen zur Erde umlenken wollten, ist nach dem Scheitern des Experiments in der Erdatmosphäre verglüht. In der Nacht zum Freitag war es der Besatzung der Raumstation Mir nicht gelungen, den auf einen Raumtransporter montierten Folienspiegel ganz aufzuspannen. Die hauchdünne Folie verfing sich in einer Antenne. (SDA) 6.2.1999"
Auf dieser Seite wird das Experiment genauer dargestellt, und auch die Kritik daran wird nicht ausgespart: http://mic-ro.com/workspace/solararbeit.html
Und hier noch eine - sehr kritische - Kommentierung aus astronomischer Sicht: http://www.astronomie.de/...umspiegel/spiegel5.htm
10 Mal so hell wie der Vollmond - das ist immer noch 40000 mal schwächer als die Sonne. Das ist eher vergleichbar mit einem äußerst trüben, bedeckten Wintertag. Wer da nicht depressiv wird...
Ich fürchte, dieses Thema wird früher oder später wieder hochgekocht werden!
Jan
Danke für den interessanten Hinweis. Daß diese Überlegungen noch vor ein paar Jahren so konkret verwirklicht werden sollten, wußte ich gar nicht. Zum Glück ist Raumfahrt ziemlich teuer. Und daß man sich plötzlich um die paar Leutchen in der Polarregion sorgt, kommt mir auch ein bißchen merkwürdig vor. Nur um ein fahles Leuchten, nicht richtig Tag, nicht Nacht, würde man doch nicht so viel Geld ausgeben. Gibt es gar militärische Hintergedanken ?
Tja, da bin ich mir auch nicht so sicher. Ich gehe mal davon aus, dass die Leute in der Raumfahrt rechnen können und daher wissen, wie hell ein solcher Spiegel wirklich ist. Was die Russen vor 9 Jahren dazu getrieben hat, weiss ich nicht.
Wenn die "normale" Lichtverschmutzung aber weiter so fortschreitet, fällt ein solcher Weltraumspiegel bald sowieso nicht mehr auf...ok, das ist jetzt wahrscheinlich zu pessimistisch!
1. Die Idee Weltraumspiegel geht übrigens auf Raumfahrtpionier H. Oberth zurück - zumindest hat es in seiner Dissertationsschrift "Rakete zu den Planetenräumen" (1923) vorgeschlagen.
2. obgleich es hier vor zehn Jahren auch merklich sternguckerisch-angenehmer war, so finde ich doch manche künstlerische Gebäudebeleuchtung ganz hübsch - so rein vom ästhetischen Standpunkt. Ich denke, es gibt unserer 'jungen' Stadt ein Erscheinungsbild, das zu ihrem Image passt, so rein vom Marketingkonzept her.
Ich suche seit Jahren nach einer Lösung dieses Gewissenskonfliktes. Vorgeschlagen wird ja immer wieder energie- und lichtsparende Schummerbeleuchtungen von den Türmen abwärts gerichtet, statt Schlagscheinwerfern von unten an die Wände... aber auch das strahlt natürlich in die Landschaft: die Wand-Albedo ist geringer, aber nicht null (sonst ginge ja auch der Kunst-Effekt flöten).
Schlimmer finde ich ja eher 'auf dem Land' die Lichtkugeln in den Gärten und LED-Galerien an den Garageneinfahrten (offenbar fühlen sich immer mehr Leute im Cockpit ihre PKWs zu lichtdesgnerisch-overkillenden Höhenflügen berufen)... Nun, aber irgendwie kann man es den Leuten auch nicht verbieten... Oder? Muss denn wirklich jeder Hauseigentümer einen so gewaltigen Lichtparkur aufbauen?
Nun, jedenfalls ist das einer der Gründe, weshalb ich dankbar bin, dass ich mich mit der theoretischen Astronomie (in Gestalt von Geschichte, Philosophie, theoretischer Physik) beschäftigen durfte... und ich bete, dass ich es auch weiterhin darf, also bezahlt kriege.
... und so lange man noch überhaupt ein paar dunkle Flecken auf der Welt hätte, wo man zum Sternegucken hin kann, ist es doch schön.
Was in Slowenien im Gesetz verankert ist,nämlich der Schutz des Himmels, ist doch sicherlich auch bei uns möglich.
Gibt denn unser Grundgesetz keine Handhabe dafür? Vielleicht kann da ein juristisch bewanderter Amateurastronom da mal nachhaken!
Ich bin selbst einer dieser "hoffnungslosen Spinner" und konnte mit meinem 10" Teleskop vom Balkon aus (zumindest nach 02:00) den Nachthimmel genießen. Nachdem aber eine kleine Firma für Bäder u. Sanitäreinrichtungen seine Reklame reaktiviert hat, ist es damit entgültig vorbei. Es ist mir sogar unmöglich, die hellsten Sterne (z.B. Arcturus, Deneb) als Referenz-Sterne für die Teleskopsteuerung zu verwenden, weil ich sie schlicht nicht mehr sehe. Leider brennt diese Reklame von ca. 19:00 ab - die ganze Nacht. Ein Gespräch mir dem Ladeninhaber hat nur gebracht, dass er mir sagte, (Zitat) "dann musst Du halt woanders die Sterne zählen".
Dass seine Reklame sowieso kein Mensch sieht, weil in der Gegend sonst kein anderes Geschäft ist und auch des Nächtens keine Sau unterwegs ist, ließ er nicht gelten. So viel ignoranz u. überheblichkeit macht mich echt traurig u. zeigt einmal mehr, dass der Gesetzgeber gefragt ist.
Ja, ich denke auch, dass nur ein Gesetz gegen Lichtverschmutzung hilft. Freiwillig hat da keiner ein Einsehen.
Vor allem braucht es eine Richtlinie.
Ehrlich gesagt, mir genügt es nicht, wenn man irgendwo auf der Welt beobachten kann, weil ich kein Freund von Flugreisen bin (fliegen tu ich gern, das ist was anderes) Und ehrlich gesagt, das ist doch verrückt - auf die Südhalbkugel zu fliegen, um ein paar Sterne zu sehen. Oder? Man könnte das auch hier erledigen. Und: in spätestens 10-20 Jahren werden die Regionen auf der Südhalbkugel genauso lichtverschmutzt sein wie hier (auch wenn es zB in der Atacamawüste eine logistische Herausforderung ist...). Wenn wir kein Einsehen haben, wieso sollten dann die Afrikaner oder Südamerikaner eins haben? Wir wissen aus vielen anderen Beispielen, dass jedes Land, wenn es nur eine Gelegenheit dazu hat, unsere "Zivilisationssünden" wiederholt, egal welche Erfahrungen wir gemacht haben.
@Susanne, ich finde auch, dass der künstlerische Aspekt nicht unwesentlich ist (danke für den Einwurf). Aber das muss ja nicht bedeuten, dass gnaden- und erbarmungslos 365 Tage im Jahr die ganze Nacht beleuchtet wird. So wie ein Stadtfest auch nur gelegentlich und nicht permanent stattfindet. Im Gegenteil: die Wirkung wäre viel größer, wenn das Aktionen wären und keine Permanenteinrichtung.
Auch wir Himmelsfanatiker schalten abends das Licht an. Ich seh da keinen Widerspruch zum Lichtschutz.
Am Samstag habe ich auf der AME aus zuverlässiger Quelle erfahren, dass der Bruchsaler Bunsenbrenner tatsächlich seit Anfang September aus ist - vorläufig und bis zum Ende des Vogelzugs im November.
Bis dahin soll für eine vernünftige Abschirmung gesorgt werden. Es bleibt spannend zu sehen, wie die Baumaßnahmen sich auswirken.
...den Artikel lese ich ja jetzt erst - dabei werde ich sogar im Text erwähnt. Schande über mich! Von den blauen Scheusslichkeiten im Bild will ich mich mal ganz flink distanzieren, denn da gehen unsere Arbeiten bei HarzOptics wirklich in eine ganz andere Richtung. Inzwischen sind wir uns ziemlich sicher, eine optimale Lösung für das Problem gefunden zu haben - nun muss nur noch der Gesetzgeber mitspielen und diese auch zulassen. Wenn ich dazu komme, werde ich in den nächsten Tagen mal was zum Thema Lichtverschmutzung und LED in meinem Blog schreiben und unsere Lösung kurz umreißen (wofür ich mich allerdings mit meinen Kollegen absprechen muss...).
Hallo Christian,
du bist mir hoffentlich nicht böse, dass ich dich in diesem Text genannt habe? Dass du bzw. HarzOptics mit der Geschichte in Bruchsal nichts zu tun haben, ist hoffentlich rübergekommen...
Ich bin mal sehr gespannt auf eure Lösung und freue mich auf deinen nächsten Blogbeitrag!
...denn schließlich gibt es keine schlechte PR. Ich habe Dir zu unseren Lampen mal eine E-Mail zukommen lassen und hoffe, die Ideen stoßen auf Wohlgefallen. Wenn es mit der Zulassung funktioniert, können wir möglicherweise bald ein Demo-Objekt aufbauen und fachlich-astronomisch begutachten lassen.
Passend zur Diskussion von heute Morgen wagen wir uns heute mit unserem bereits fertig entwickelten Lösungsansatz aus der Deckung. Hauptziele unseres Vorhabens sind die Minimierung des Energieverbrauchs und der Anziehungskraft auf Insekten, wir haben uns aber bei der Entwicklung der LED-Straßenlampe den Luxus gegönnt, auch die Bedürfnisse der Astronomen (sowie der Vögel und Fledermäuse) so weit wie möglich zu berücksichtigen:
http://www.scienceblogs.de/...tzung-verringern.php
Hallo Christian,
dein Artikel ist sehr interessant. Ich hhabe dir auch schon einen Kommentar dazu geschrieben. Die Diskussion sollte in deinen Blog verlagert werden, deshalb äußere ich mich hier nicht im Detail dazu!
Gruß,
Jan
Mich macht diese Lichtverschmutzung einfach nur noch wütend! Dort und da ne Lichtglocke. Trotzdem fährt mann raus, baut auf. Nur um dann festzustellen, dass irgendwo wieder ein neuer SkyBeamer dazugekommen ist. Ich fühle mich dann einfach nur noch ohnmächtig. Kann mann gegen soviel Unfug nicht rechtlich vorgehen?