Das Ende der Welt?
Physiker weltweit bereiten sich vor auf den baldigen Start des größten Teilchenbeschleunigers der Welt, des Large Hadron Colliders (LHC) am CERN. Doch während sich die meisten darauf freuen, in unbekanntes Terrain vorzustoßen und vielleicht neue Physik zu entdecken, haben einige Angst davor, dass eben diese neue Physik vielleicht desaströs sein könnte. Sie befürchten dabei nicht, dass der Beschleuniger beschädigt werden könnte oder dass die Stadt Genf in Mitleidenschaft gezogen werden könnte, nein: Die ganze Erde könnte auf dem Spiel stehen!
Wie bitte?
Am LHC sollen ab Mai Protonen mit je 7 Tera-Elektronenvolt kinetischer Energie kreisen und ab Mitte des Jahres auch miteinander kollidieren. Später sollen sogar Bleikerne beschleunigt werden, die aufgrund ihrer höheren Masse noch etwa 80 Mal mehr Energie erreichen werden. In den Zusammenstößen wird damit soviel Energie freigesetzt, wie noch nie bei einem von Menschen gebauten Teilchenbeschleuniger zuvor.
Das ist notwendig, um in fundamentalen Fragestellungen der Physik weiter zu kommen, denn je mehr Energie in der Kollision zur Verfügung steht, desto schwerere Teilchen können aus dem Explosions-"Feuerball" entstehen. Aus der Vermessung (und überhaupt der Existenz) dieser noch nie gesehenen Teilchen erhoffen sich Physiker einerseits eine Vervollständigung des Standardmodells der Elementarteilchen (etwa durch den Nachweis des Higgs-Bosons), andererseits aber auch Anzeichen für Abweichungen vom Standardmodell, etwa durch den Nachweis des leichtesten Teilchens der Supersymmetrie.
Und wieso soll das gefährlich sein?
Eine Gruppe von Leuten um den Amerikaner Walter L. Wagner, der sich selbst als Kernphysiker bezeichnet und eine interessante Karriere hinter sich hat, behauptet nun, dass eben diese neuartigen Experimente eine große Gefahr für die Menschheit darstellen. Auf ihrer Website sammeln sie Spenden für eine Klage vor einem US-Bezirksgericht mit dem Ziel die Fertigstellung des LHC solange zu verzögern, bis seine Unbedenklichkeit nachgewiesen worden ist. Welche Art von Gefahren ausgehen könnten, erläutern Wagner und Kollegen im Risk-Evaluation-Forum. Dazu zählen ihrer Meinung nach insbesondere
- die Erzeugung von Schwarzen Löchern, die manche Stringtheoretiker als Produkt des LHC vorhergesagt haben, und von denen Wagner und Kollegen befürchten, dass sie die ganze Erde verschlingen könnten;
- die Erzeugung von so genannten "Strangelets", "merkwürdigen" neuen Teilchen, die durch Kontakt mit normaler Materie die ganze Erde in eine kompakte Strangelet-Kugel verwandeln könnten.
Sollte man den LHC also stoppen?
So schlimm und aktuell diese Bedenken auch wirken mögen, neu sind sie nicht. Bereits 1999, vor der Inbetriebnahme des "Relativistic Heacy Ion Collider" in den USA kamen Bedenken auf, dass Mini-Schwarze Löcher zu schnell anwachsen könnten und den ganzen Planeten verschlingen könnten.
Genau wie damals, kann man auch heute noch aus denselben zwei wesentlichen Argumenten Ruhe für den nächtlichen Schlaf schöpfen:
- Sollten tatsächlich Mini Schwarze Löcher am LHC erzeugt werden, würden diese bereits unmittelbar nach ihrer Erzeugung wieder zerfallen. Denn je kleiner ein schwarzes Loch ist, desto schneller zerstrahlt es durch die so genannte Hawking-Strahlung. In der sehr kurzen Zeit, die es lebt, hat es keine Zeit die Wand des Detektors zu treffen und kann daher auch keine Materie aufsaugen
- Sollten Kollisionen, wie sie am LHC durchgeführt werden Schwarze Löcher erzeugen, so wären durch diesen Prozess schon längst massenweise schwarze Löcher erzeugt worden durch die kosmische Höhenstrahlung, die mit weitaus größeren Energien als den maximal 10^15 eV am LHC schon seit langer Zeit die Erde bombardieren.
Dasselbe Argument gilt auch für die Strangelets: Sollte es diese Teilchen überhaupt geben, wären sie zum Einen schon längst in den Kollisionen der kosmischen Höhenstrahlung erzeugt worden. Zum Anderen würden solche Teilchen aber auch nicht die Erde verschlingen, sondern normale Materie abstoßen und darüberhinaus extrem schnell in normale Teilchen zerfallen...
Meines Erachtens ist es daher angemessen, sich auf die baldige Inbetriebnahme dieser wunderbaren Maschine und die vielen möglichen Antworten auf interessante Fragen zu freuen!
Weitere Texte zum Thema "LHC":
Mini-Löcher und LHC - Berichterstattung im ZDF
LHC - Träume und Hoffnungen der Physiker
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[Ironie an]
Allein im deutschen Fernsehen geht meiner Einschätzung nach die Welt mindestens dreimal pro Woche unter. Wie oft sie es im amerikanischen Fernsehen macht, weiß ich nicht. Aber wenn Hollywood es sagt, muß es ja auch in Realität bald soweit sein oder? Und natürlich sind die bösen Wissenschaftler schuld.
[Ironie aus]
Vielleicht ist die Lektüre von SciFi-Büchern und -Filmen nicht für jedermann das Richtige.
Trotz Mangel an Wissen fühlen sich viele "Experten" befähigt ihre Meinung zu äußern und damit der breiten Masse unnötige Ängste einzureden. Ich bin jedenfalls gespannt auf die Ergebnisse und hoffe vielleicht auf Bilder dieser spektakulären Kollisionen.
Liebe Frau Kaiser,
die Ergebnisse des LHC werden in jedem Fall revolutionär sein: Sollte das Higgs gefunden werden, wäre es eine fantastische Bestätigung des Standardmodell; sollte es nicht gefunden werden, wird es umso interessanter... Obwohl es auch Bilder von den Kollisionen im LHC geben wird, sind die allerdings (nicht nur für Laien) kaum von den Bildern früherer Experimente unterscheidbar. Einen kleinen Eindruck erhält man auf der Website des LHC, die übrigens nicht unter www.lhc.org, sondern hier zu finden ist...
Was das Schüren von Ängsten durch Experten angeht, gebe ich Ihnen vollkommen recht und halte das auch teilweise für grenzwertig. Selbst prominente Astrophysiker wie der britische "Astronomer Royal" Martin Rees schreiben in öffentlichen Beiträgen ("Unsere letzte Stunde"), dass wir vielleicht kurz davor sind, uns selbst durch teilchenphysikalische Experimente zu vernichten. Während solche Überlegungen notwendig und interessant sind, müsste gegenüber der Öffentlichkeit meines Erachtens klarer der Tenor vertreten werden, dass nach jedem vernünftigen Ermessen vom LHC keine Gefahr für die Erde ausgeht.
In der öffentlichen Wahrnehmung kommt physikalische Großforschung leider großenteils eben nur über solche Randerscheinungen vor.
Dagegen kann und soll man nichts machen, schließlich ist es ein Merkmal der Meinungsfreiheit, dass manchmal eben auch diejenigen sich (oft lautstark) zu Worte melden, die besser den Mund gehalten hätten, zumindest solange, bis sie sich informiert haben.
Aber auch, wenn man solche Lauäußerungen nicht unterbindet, braucht man ihnen doch nicht das Feld zu überlassen - nur habe ich den Eindruck, dass genau dieses geschieht. Wirksame Öffentlichkeitsarbeit obliegt den beteiligten Wissenschaftlern, es muss für "public outreach", der so aufgebaut ist, dass auch ein Laie zumindest in groben Zügen eine Vorstellung davon hat, welche Experimente durchgeführt werden sollen und wozu diese dienen.
Gäbe es hier keine Defizite, dann könnte in der Gesellschaft eine breitere Diskussion stattfinden. Heute aber werden nur zu häufig absurden Behauptungen einiger weniger, multipliziert durch Journalisten, denen die Tatsachen nicht vermittelt wurden, von der Öffentlichkeit nicht richtig eingeordnet.
Andreas Müller hat in seinem Astro-Lexikon einen ausführlichen Text über dieses Thema geschrieben.
Für Experten könnten auch noch von Interesse sein:
- Eine Website am RHIC zu diesem Thema
- Ein Paper u.a. mit Nobelpreisträger Frank Wilczek zu diesem Thema
Danke an Andreas Müller für diese Hinweise!
Ich frage mich, was Herr Wagner mit der Klage bezweckt. Wenn es ihm um die Verzögerung der Experimente geht, warum klagt er dann erst jetzt, kurz vor Inbetriebname, und nicht schon vor Jahren?
Obige Gegenargumente haben allerdings Schwachstellen:
1. - die Hawkingstrahlung ist bisher rein hypothetisch - er tanzt da auf Messers Schneide zwischen zwei unvereinbaren Theorien
2. - Minilöcher aus kosmischer Strahlung haben einen hohen Impuls gegenüber der Erde und fliegen daher schnell davon (oder hindurch). Das wird bei LHC-Kollissionen wohl eher nicht der Fall sein.
Das sind die zwei Punkte, die mir heute in der weltweit stattfindenden wilden Diskussion nachhaltig aufgefallen sind, über die ich als Laie gern mehr erfahren würde.
Hallo,
die Hawking-Strahlung ist noch nicht bewiesen.
einen sehr guten Web-Artikel (Schwarze Löcher,das dunkelste Geheimnis des Kosmos) von Andreas Müller, (beinhaltet auch ein Kapitel über Schwarze Mini-Löcher).
Webseite:www.wissenschaft-online.de/astrowissen
MfG
Peter Siegert
Allerdings habe ich (und nicht nur ich) sehr oft das Gefühl, das mit der einfach blauäugigen Mentalität "Wir schalten das Ding mal ein und sind schon ganz gespannt was dann passiert" offenkundig wird, das man weder Risiken noch Erfolge gesichert abschätzen kann, jeder ist schlauer als der andere, jeder hat eine eigene tolle Theorie, jedes Lager hält das Andere für dumm.
Die journalistische Sorgfaltspflicht, der ich unterliege scheint für Wissenschaftler oft nicht zu gelten. Dabei würde sie nicht nur helfen Experimente erst zu machen wenn man sich wirklich über die Risiken im klaren ist, sie würde auch vermeiden allzu viel an Ergebnissen zu übersehen.
Natürlich freue ich mich, wenn die Ergebnisse, die es geben wird, uns, die Menschheit weiterbringt.
Es sollte uns auch allen klar sein das es in der Natur mit Sicherheit Schalter gibt, die nie umgelegt werden dürfen. Das Risiko einem dieser Schalter zu begegnen war nie so groß wie heute.
Hinterher ist man natürlich immer schlauer, wenn es ein Hinterher gibt. Ein wenig mehr Vorsicht bei aller Euphorie und ein wenig mehr Respekt und Selbstkritik wäre mein klarer Wunsch.
Die Natur hat kein Standardmodell!
Zunächst einmal vielen Dank für die multiple Verlinkung.
@H.M. Voynich
Weiß man den, wann genau Herr Wagner die Klage eingereicht hat? Die Medien stellen es gerne als brandneu dar, was es vielleicht gar nicht ist. Jedenfalls kochen derzeit die Medien über – rechtzeitig zum Start des LHC.
Zu den möglichen Schwachstellen einer wiss. Argumentation:
Richtig, die Hawking-Strahlung ist bislang rein hypothetisch. Dem muss man entgegenstellen: Als Physiker gibt es gute Gründe von der Gültigkeit des Hawking-Effekts überzeugt zu sein. Seine Berechnungen fußen nicht unbedingt "auf Messers Schneide zwischen zweier unvereinbaren Theorien", sondern auf einem semiklassischen Ansatz, nämlich der Beschreibung von Teilchen durch die Quantentheorie und die Beschreibung der Gravitation durch Einsteins Allgemeine Relativitätstheorie.
Gut, nehmen wir einen Moment an, der Hawking-Effekt existiere NICHT.
Punkt 1: Dann könnten Mini-Löcher am LHC nur erzeugt werden, wenn es räumliche Extradimensionen (neben den drei bekannten: Länge, Breite, Höhe) gäbe. Denn nur dann ist die klassische Planck-Skala reduziert – vielleicht auf die TeV-Skala. Die Crux: bislang gibt es keinerlei experimentelle Anhaltspunkte für die Existenz von Extradimensionen. Im Gegeneil.
Punkt 2: Ein typisches Mini-Loch hätte die Masse von etwa tausend Protonen, nämlich 1 TeV. Verglichen mit makroskopischen Massen ist das nichts! Geringe Masse heißt auch extrem schwache Gravitation. Ein Mini-Loch (das per Annahme nicht durch Hawking-Strahlung zerfalle) ist extrem ineffizient im Materieaufsammeln, und es könnte nur über lange Zeiten wachsen.
Ob ein Mini-Loch ruht oder mit einem hohen Impuls durch die Gegend fliegt, erachte ich als sekundär. Wichtig ist, dass es durch Hawking-Strahlung extrem schnell zerfällt und weiterhin dass es ein ineffizienter Materieschlucker ist.
Deshalb fand auch Physik-Nobelpreisträger ‘t Hooft (wie viele andere Experten anderswo) in der SZ vom 2.4. beruhigende Worte zu den Mini-Löchern: keine Gefahr.
@Alex R
Es gibt eine ganze Reihe seriöser Publikationen von anerkannten Physikern zum Thema Gefährlichkeit und Sicherheit von Mini-Löchern. Es gibt auch eine Menge selbstkritischer Artikel, die respektvoll die Sorgen von Laien aufgreifen. Nur berichtet darüber kaum ein mutmaßlich "die Sorgfaltspflicht achtender Journalist". Was verkauft sich besser? "Wir sind sicher und alles ist okay?" oder "Die Physiker werden die Erde zerstören?".
Meines Erachtens wird nun von einigen Medien abermals versucht, ein an sich seriöses Thema sensationsheischend in Szene zu setzen und Aufreger zu lancieren, die eigentlich keine sind.
Beste Grüße,
Andreas Müller
(KOSMOlogs – Einsteins Kosmos)
Hallo zusammen,
es freut mich, dass dieser Blog-Beitrag so intensiv diskutiert wird, vielen Dank für alle Kommentare!
Noch eine Antwort zu H. M. Voynich's kritischem Kommentar, was wäre, wenn es die Hawking-Strahlung nicht gibt. Dies ist eine sehr wichtige Frage, denn die Hawking-Strahlung ist ja tatsächlich noch nicht nachgewiesen worden. Und in dieser Hinsicht greift leider die Entwarnungs-Seite des CERN zu kurz.
Wie Andreas Müller oben allerdings schon geschrieben hat, ist die Gravitationswirkung eines so winzigen schwarzen Loches fast vernachlässigbar klein und daher das kleine Schwarze Loch auch ohne Hawking-Strahlung keine ernstzunehmende Gefahr.
In einer Meldung auf livescience.com illustriert der Teilchenphysiker Greg Landsberg die Situation, was passiert, wenn Mini-Schwarze Löcher entstehen, aber nicht durch Hawking-Strahlung zerfallen: Die so erzeugten schwarzen Löcher wären so klein, dass sie durch einen Eisenblock von der Größe der Erde-Mond-Distanz fliegen könnten und nichts würde passieren. Wegen ihrer schwachen Anziehungskraft würde es über 100 Stunden dauern, bis sie ein einziges Proton aufgeschnappt haben. Durch dieses Aufschnappen der Protonen (das Englische "gobble up" klingt hier viel beeindruckender...) würde das Schwarze Loch langsamer werden (und die Kollisionsrate wäre dann noch geringer). Aber selbst wenn man diese Verlangsamung nicht berücksichtigen würde, würden bei der ursprünglichen Akkretionsrate gerade mal 100 Protonen pro Jahr verschluckt werden, es würde mithin länger als das Alter des Universums dauern, bis ein Milligramm aufgeschluckt würde.
Wer noch weiter nachlesen will, was es mit den Mini-Schwarzen Löchern auf sich hat: Ein sehr guter (englischer) Artikel zu diesem Thema ist auf dem auch ansonsten interessant zu lesenden Blog Backreaktion zu finden. In dem Artikel geht es hauptsächlich um die Wissenschaft, die man mit den erzeugten schwarzen Löchern machen kann. Unter dem Artikel findet man eine lange Diskussion, in der sich am Ende auch Walter L. Wagner zu Wort meldet (und dabei die oben dargelegten Zusammenhänge ignoriert...).
Übrigens (besonders an Andreas): Die Klage ist am 21. März eingereicht worden -- sie ist also wirklich relativ frisch. Den Kommentar im obigen Blog hat Walter L. Wagner interessanterweise aber bereits im September 2007 geschrieben... Entweder er hat so lange gebraucht, bis er die Klage fertig hatte oder er wollte einfach nur so lange warten, bis der LHC fast fertig ist, damit seine Klage mehr Beachtung findet.
Oh, ich sehe grade, wir sind ja schon verlinkt - Danke für die Erwähnung :-)
Auch ohne Hawking-Strahlung würden die Mini-Löcher, die unter der Voraussetzung der Existenz von großen Extra-Dimensionen am LHC entstehen könnten (man sollte nicht vergessen, daß diese Annahme noch reine Spekulation ist), nicht allzuviel ausrichten.
Selbst wenn sie quer duch die Erde fliegen, stoßen sie dabei auf gerade mal 100 Nukleonen (Protonen oder Neutronen in Atomkernen) und können ihre Masse gerade eben mal um maximal ein Zehntel vergrößern - wobei Nukleonen für diese Mini-Löcher reichlich "luftig" aussehen, so daß keineswegs klar ist, daß es bei jeder solchen Begegnung überhaupt zu irgendeinem Effekt kommt.
Außerdem ist die Beschreibung irreführend, daß die Schwarzen Löcher im Collider-Experiment "in Ruhe" erzeugt werden. Das stimmt zwar grob, aber die Kinematik der LHC-Eperimente ist halt schon etwas unanschaulich. Tatsächlich hat nur ein verschwindend kleiner Anteil der Schwarzen Löcher eine Geschwindigkeit, die unter der Fluchtgeschwindigkeit von 11 km/s liegt. Da die Schwarzen Löcher nur gravitativ wechselwirken heißt das, daß nahe zu alle die Erde auf Nimmerwiedersehen verlassen!
Viele Grüße, Stefan
Noch ein Nachtrag vielleicht, da die "RHIC disaster scenarios" bereits erwähnt wurden: Es war derselbe Walter Wagner, der dieselben Bedenken bereits vor dem Start von RHIC in Brookhaven geäußert hatte - siehe Fears among the public.
Danke, Stefan, für die Kommentare!
Für diejenigen, die den Backreaktion-Blog noch nicht kennen: Er ist einer der lesenswertesten Blogs zur Teilchenphysik und hat auch die nette persönliche Note, dass die beiden Autoren (Sabine und Stefan) verheiratet sind, aber aufgrund ihrer jeweiligen Jobs derzeit auf verschiedenen Kontintenten leben. Sie leben daher einstweilen wenigstens virtuell zusammen.
In dem Artikel über die möglichen Folgen der Produktion von Schwarzen Löchern am LHC wird ausgerechnet wie groß die Streurate von diesen hypothetischen Mini-Schwarzen-Löchern ist, wenn sie durch die Erde fliegen. Der von mir oben zitierte Greg Landsberg muss dabei wohl einen viel kleineren Wirkungsquerschnitt angenommen haben, denn Sabine und Stefan kommen in ihrer Rechnung auf eine Streurate von etwa 100 Nukleonen bei einem Erddurchgang...
Ich muss gestehen, dass ich keine Angst vor Schwarzen Löchern habe -- ich glaube, da gibt es viel größere Risiken für unser Überleben (und zu meiner Lebzeit).
Aber ich halte es doch für interessant, generell über Risiken und Nutzen dieser Grundlagenforschung nachzudenken. So, wie du den Artikel schreibst, bekommt man den Eindruck, damit würden bestimmte Forschungsfragen ein für allemal geklärt ("Theorie vervollständigen" usw.). Der historische Fortschritt zeigt hingegen, dass mit jeder "Lösung", die man findet, viele neue Fragen auftauchen; wie bei einer Hydra, der für jeden abgeschlagenen Kopf drei neue wachsen. Daher bin ich gespannt, ob ich zu meiner Lebzeit noch den nächstgrößeren Beschleuniger erleben werde, von dem dann die jungen Physiker wieder schreiben werden, man werde damit sicher die offenen Fragen klären können.
Übrigens können Technologien auch durchaus mal nach hinten los gehen, wenn man beispielsweise an den weit verbreiteten zivilen Einsatz von Röntgenapparaten denkt, beispielsweise in Schuhgeschäften, um dem Kunden vor Augen zu führen, wie gut der Fuß (bzw. die Knochen, die man auf den Röntgenbildern sah) im Schuh sitzt.
Es kann sich also durchaus manchmal als hilfreich erweisen, wenn man vorher über die Risiken nachdenkt; aber das hast du, Leonard, ja hier auch schon gemacht.
Viele Grüße
Stephan
Hallo Stephan,
die Forschung als Hydra zu sehen, die auf jede Antwort zwei neue Fragen liefert, finde ich durchaus passend. Sorry, wenn es im Artikel anders rübergekommen sein sollte.
Mit dem LHC wird man definitiv Antworten auf manche Fragen finden, aber natürlich wird auch vieles offen bleiben. Das wohl interessanteste wäre, wenn die Antworten ganz anders sind als erwartet...
Der wahrscheinlich nächste Teilchenbeschleuniger, der International Linear Collider ist für Ende nächstes Jahrzehnt geplant. An diesem sollen Elektronen mit Positronen kollidieren und damit Präzisionsmessungen gemacht werden. Solche Kollisionen sind leichter interpretierbar als Kollisionen von zwei Protonen oder gar Eisenkernen, wie am LHC, wo viel mehr Streuprodukte entstehen...
Moinsen!
@Stephan: Das ist schön, dass Du Dich in unser Blog-Universum verirrt hast!
Die Erwartungen der Physiker bzgl. LHC sind durchaus plausibel. Erinnern wir uns doch an den Start von RHIC und die ähnliche Erwartungshaltung – sie hat sich erfüllt! So wurde ein neuer, extrem dichter Materiezustand, das so genannte Quark-Gluon-Plasma (dessen Herstellung man sich erhoffte), erstmals 2003 am RHIC experimentell nachgewiesen.
Für den LHC erhoffen sich die Physiker Verifikationen/Falsifikationen folgender Phänomene: Higgs-Boson, Supersymmetrie, räumliche Extradimensionen.
Der ILC hat den wesentlichen Unterschied, dass Elektronen und Positronen (also Leptonen) aufeinander geschossen werden; am LHC sind es Protonen (also Hadronen). Physiker können dadurch andere Tests durchführen, weil mit dem anderen Charakter der Teilchen auch andere Wirkungsquerschnitte (="Streuwahrscheinlichkeiten") verbunden sind.
@Stefan: Hey, netter Blog – werde ab und zu mal bei Euch reinschauen. Das ist ja hochinteressant, dass es Wagner schon bei RHIC versucht hat. Und die Presse fällt abermals darauf herein und hebt ihn empor – vielleicht weil sie es aus ökonomischen Gründen will?
Gruß,
Andreas Müller
(KOSMOlogs)
Schleim im Weltall, ich lache mich kaputt. Da hast Du Dir ja etwas einfallen lassen, Andreas. :-D
@ Stephan:
"Aber ich halte es doch für interessant, generell über Risiken und Nutzen dieser Grundlagenforschung nachzudenken."
Da gibt es eigenes Wissenschaftsgebiet, weil man sich oftmals auf das neueste vom Neusten "gestürtzt" hat und sich später wunderte, was es für "Nebenwirkungen" gab. Das ganze nennt sich Technikfolgenabschätzung.
Bzgl. des beruhigenden Einwandes dass eines dieser Schwarzen Löcher ?Millionen Jahre benötigen würde um genügend Material aufzusammeln um gefährlich zu werden: Was ist wenn von diesen mehrere Millionen in kurzer Zeit erzeugt werden? Hier gehen die Schätzungen ja auseinander! Sollte man dies nicht auch berücksichtigen?
Ferner muss ich zugeben dass mit als Laien die Einwände des Prof. Rössler schon Angst machen! Siehe http://www.golem.de/0802/57477.html
@Markus K.
Vielen Dank für den Link. Mir gefallen Rösslers Einschätzungen nicht, und ich erachte das als wissenschaftlich nicht fundiert. Ich begründe meine persönliche Meinung gerne.
Rössler: "Vor 35 Jahren wurde ich in theoretischer Biochemie habilitiert. Das ist auch eigentlich mein Fachgebiet bis heute geblieben, aber es kam dann noch einiges hinzu. Zum Beispiel die Chaosforschung, die erst im Laufe der Zeit entstanden ist."
Bei allem Respekt vor Prof. Rössler und seinen Arbeiten: Ist es wissenschaftlich überzeugend, wenn ein Biochemiker über Schwarze Löcher sinniert? Schauen wir doch mal, was Rössler sagt:
Rössler: "Es dauert aber ewig, bis es dort ankommt. Und man weiß, dass das Licht, das vom Rand eines schwarzen Lochs aufsteigt, nicht nur unendlich rotverschoben ist, also in seiner Wellenlänge verlangsamt bzw. vergrößert ist, sondern dass es auch unendlich lange braucht, bis es herauskommt. Das weiß man. Aber man glaubt merkwürdigerweise, ein Körper könnte da in endlicher Zeit hineinfallen, obwohl das Licht dafür unendlich braucht..."
Sorry, das ist biochemischer Quark! Es ist allgemein bekannt und rechnerisch erwiesen, dass die Einfallsdauer im Bezugssystem des einfallenden Testteilchens endlich ist. Er musste die gut bewährte Relativitätstheorie (in ihrem Gültigkeitsbereich!) außer Kraft setzen, um seine Hypothese zu untermauern. No way.
Rössler: "Die Frage, die bleibt, ist, wie lange es dann dauert, bis dieses kleine schwarze Loch genügend stark gewachsen ist, um schließlich die ganze Welt aufzufressen. Das klingt absurd, ist aber letzten Endes sehr wahrscheinlich."
Dazu Nima Arkani-Hamed (Princeton): There is some minuscule probability, he said, "the Large Hadron Collider might make dragons that might eat us up."
(Quelle: http://www.nytimes.com/...=1207454400&emc=eta1)
Frage an die Laien: Glaubt man einem Biochemiker und Chaostheoretiker wie Rössler oder glaubt man einem Experten für Mini-Löcher wie Landsberg oder Arkani-Hamed? Glaubt man 99,99 Prozent der Physiker (laut CERN-Physiker Mangano), die Mini-Löcher für ungefährlich halten oder den 0,01 Prozent "Bedenkenträgern" oder "Verschwörungstheoretikern"?
50 Monate nach Inbetriebnahme des LHC, d.h. Juli 2012, wissen wir ja, ob Rössler Recht hatte. Mal sehen, ob sich dann noch jemand an den Artikel erinnert.
Gruß,
Andreas Müller
(KOSMOlogs)
Nur ein kleines Gedankenexperiment zu schwarzen Löchern, wenn sie stabil bleiben sollten:
Wechselwirken schwarze Löcher wirklich nur gravitativ, und was ist in der Phase, bevor ein schwarzes Loch exponentiell sich vergrößert?
Eine winzige Masse bedeutet extrem winzige Gravitation und winziger Schwarzschildradius, was also bedeutet winziger Einflussbereich der Gravitationsanziehung.
Aber wenn schwarzes Miniloch zufällig ein Objekt einfängt, nimmt es auch seine Masse, Drehimpuls und Ladung auf (No-Hair-Theorem). Wenn schwarzes Miniloch z.B. Elektron einfängt, nimmt es seine negative Ladung mit auf. Ein negativ geladenes Miniloch kann aber leichter ein positiv geladenes Teilchen wie z.B. Proton anziehen als ein elektrisch neutrales - die Coulomb-Kraft ist stärker als die Gravitation. Und wenn das schwarzes Miniloch schafft, ein einzelnes Quark eines Nukleons zu annektieren, bleibt es wohl kaum bei der verbotenen Drittels-zahligen Ladung, sondern würde es wahrscheinlich gleich das ganze Nukleon nehmen, um wieder auf Ganze-Zahlen-Ladung zu kommen. Wie effizient ist dann die Massenaufsammlung?
Und welche Rolle spielt der enorme Druck im Erdkern bei der Akkreditierung von Materie, wenn schwarzes Loch erst einmal im Erdkern ist?